Im inneren Kreis

Im inneren Kreis

Eine Filmkritik von Simon Hauck

„Wir haben es hier mit offenen Kreisen zu tun: Keine abgeschotteten Kreise mit klaren Strukturen und Hierarchien“, erklärt Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter in Hamburg zu Beginn von Im inneren Kreis (Regie: Hannes Obens und Claudia Morar) recht unverblümt. Gemeint ist damit konkret das historisch gewachsene und mitunter sehr spezifische linksextreme – manche meinen auch linksradikale – Autonomen-Milieu der reichen Hansestadt und ihrer langjährigen Trutzburg: der „Roten Flora“ im Hamburger Schanzenviertel.
Dass sich der Staatsschutz in den vergangenen Jahren vermehrt für die linke Szene interessiert(e), ist so neu nicht, überrascht jedoch in all seiner Schärfe immer wieder: Denn trotz NSU-Terror, hoch bedenklicher „Pegida“-Verbindungen oder der eigentümlichen Parallelwelt der so genannten „Reichsdeutschen“ beispielsweise in Bayern stehen speziell im Norden der Republik – also in Hamburg, Göttingen, Berlin oder Hannover – regelmäßig links-alternative (Besetzer-)Gruppen und (Kultur-)Vereinigungen im direkten Fokus verdeckter Ermittlungen.

Schließlich „lebt die linke Szene ja von offenen Zirkeln und Beteiligung: Das erleichtert den Einsatz. Wenn sich die rechte Szene quasi im Hinterzimmer einer Gastwirtschaft trifft und dann wird die Tür zugemacht ... Da fällt es weniger einfach“, fügt Reinecke mit einem vieldeutigen Lächeln in diesem ausschließlich auf Spendenbasis entstandenen Dokumentarfilm über einen ziemlich selten thematisierten Spezialbereich des polizeilichen Überwachungsapparats hinzu.

Kurz zuvor – und auch mehrfach noch im Anschluss – setzt das junge Regie-Team Obens / Morar dafür auf ansehnliche Animationen (Anna Levinson) und knappe Definitionen, um die Hintergründe dieser naturgemäß öffentlich wenig bekannten Ermittlungspraxis für den Zuschauer bewusst diskursiv zu erörtern. Verdeckte Ermittler (VE) werden so zum Beispiel jedes Mal wieder für ihre Sondereinsätze polizeiintern gezielt geschult – und müssen für ihren besonderen Dienst von vornherein bestimmte psychologische Anforderungen erfüllen. Nach ihrer Einweisung werden sie mit einer neuen Legende versehen, sprich mit einem neuen Namen, neuen Ausweispapieren, einer neuen Wohnung etc.

Was im ersten Moment nach kaltschnäuzigen DDR-Romeo-Spionen klingen mag oder – filmhistorisch betrachtet – quasi schon automatisch an wilde, cocktailgetränkte James-Bond-Agentenabenteuer denken lässt, sieht in der täglichen Praxis – gerade in Deutschland – völlig anders aus. Mit einer kleinen Besonderheit: Verdeckte Ermittler folgen streng den Anweisungen ihres VE-Leiters und korrespondieren im Alltag sehr häufig mit ihnen, schreiben hierfür Beobachtungsberichte usw. und integrieren sich in der Mehrzahl ziemlich geschickt innerhalb der jeweiligen Szene, obwohl sie vor Ort logischerweise jederzeit auffliegen könnten.

Umso erstaunlicher ist es nun, dass es gerade der Hamburger Szene im und um das Schanzenviertel seit den 2000er Jahren bis heute vermehrt gelungen ist, einige von diesen für „sechs bis siebenstellige Summen“ (Jan Reinecke) ausgebildeten Mitarbeitern des LKA Hamburgs oder des Generalbundesanwalts medienwirksam auffliegen zu lassen. Der deutschlandweit bekannte „Fall Iris P.“ ist sicherlich der unrühmlichste davon: Ihm wird in diesem ohne Hamburger Filmförderung und im Zeitraum von zwei Jahren entstandenen thematisch durchaus spannenden, allerdings mitunter sehr O-Ton-lastigen Dokumentarfilm (u.a. mit Generalbundesanwalt a.D. Kay Nehm oder dem früheren Innenminister Gerhart Baum) dramaturgisch sehr viel Platz eingeräumt: Völlig zurecht, denn diese Causa beunruhigt bis heute – und wirft weiterhin viele unangenehme Fragen auf.

Als „VE Iris Schneider“, so lautete ihr offizieller Deckname, nistete sich jene extra geschulte Polizistin nämlich jahrelang in der „Roten Flora“ ein. Um an Interna aus dem linksalternativen Umfeld des Schanzenviertels zu gelangen, setzte Iris Plate – so ihr richtiger Name – mindestens von August 2001 bis März 2006, so viel wurde mittlerweile sogar von staatlicher Seite bestätigt, als Spionin alles auf eine Karte: Sie ging enge Freundschaften ein, engagierte sich als Rednerin oder Mitorganisatorin in Hamburgs berühmtesten Alternativ-Zentrum. Selbst vor heftigen Liaisons schreckte sie nicht zurück, um dadurch die queere Sub-Szene der Hansestadt systematisch aushorchen zu können.

Insgesamt rotiert zwar Im inneren Kreis in der Filmsprache gleich mehrfach um sich selbst, anstatt inhaltlich noch auf weitere thematisch naheliegende Anschlusspunkte wie Telefonüberwachung, Daten-Spionage oder Bespitzelungstechniken näher einzugehen. Trotzdem ist es den beiden Dokumentarfilmern mit diesem ambitionierten Low-Budget-Projekt absolut gelungen, ein größeres Interesse für diese oftmals stark umstrittene Undercover-Form der Polizeiarbeit zu schaffen. Und Michel Foucault hätte er sicherlich ebenfalls gefallen, dieser offen angelegte Diskursfilm zum Thema „Überwachen und Strafen“. Fortsetzung folgt: Vielleicht ja schon beim anstehenden G20-Gipfel in Hamburg. Denn dort sorgen bereits im Vorfeld die weitreichenden Überwachungsmaßnahmen für Unmut.

Im inneren Kreis

Iris P. führte enge Freundschaften und ging intime Beziehungen mit Menschen ein, die sie zugleich ausspionierte. Als Verdeckte Ermittlerin "Iris Schneider" forschte sie jahrelang die linke Szene und die "Rote Flora" in Hamburg aus. Nach ihrer medienwirksamen Enttarnung im Jahr 2014 flogen innerhalb von 18 Monaten zwei weitere Verdeckte Ermittlerinnen in Hamburg auf: Maria B. (Tarnname "Maria Block") und Astrid O. (alias Astrid Schütt). Auch sie arbeiteten mit ähnlichen Methoden wie Iris P. und waren viele Jahre undercover in der linken Szene unterwegs. Und auch im idyllischen Heidelberg hat sich der Polizist Simon B. 2010 eigens an der Universität immatrikuliert, um linke Studierende auszuspähen, die nicht im Traum damit gerechnet hätten, einmal ins Fadenkreuz staatlicher Überwachung zu geraten.
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Titel
Im inneren Kreis
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Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
86 Min
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