Im Garten der Klänge

Im Garten der Klänge

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Sprechen mit dem Gong

Es ist schon ein im Ansatz ambivalentes Unterfangen, dem Leben eines Blinden in einem Dokumentarfilm gerecht werden zu wollen – aber was soll das Medium Film auch anderes machen, als mit den ihm eigenen, beschränkten Mitteln der Welt nachzuforschen? Nicola Belluccis Portrait des blinden Schweizer Physio- und Musiktherapeuten Wolfgang Fasser zeigt also immer eine Welt, wie Fasser selbst sie nicht mehr erleben kann – und will doch tief eintauchen in jene Wahrnehmungswelt, aus der sich nicht zuletzt auch seine Arbeit speist.
Fasser kam nicht blind zur Welt, sondern erblindete (ähnlich wie zwei seiner Geschwister) allmählich – endgültig mit 22 Jahren – aufgrund einer Erbkrankheit, von der er aber offenbar schon früh wusste. Manchmal hat er den Eindruck, dass dieser Lebensweg durchscheint, wenn er von Nebel und anderen Dingen auf eine Weise spricht, die man eher von einem Sehenden erwartet – zugleich aber bewegt er sich mit einer Sicherheit durch seinen Alltag, der den Zuschauer fast vergessen lässt, dass er es hier mit einem Blinden zu tun hat: Wie en passant nimmt er in seinem Therapiezimmer eine Decke vom Boden auf, da wirkt seine Raumbeherrschung fast unwirklich sicher.

Aber hier zeigt einer sein Leben, und erzählt davon, der immer ein Fremder in dieser Welt war. Fasser berichtet auch von einer Erfahrung, durch die ihm seine eigene Außenseiterrolle bewusst wurde: Einmal in seiner Kindheit lief er mit anderen Kindern hinter einem Auto her, aus dem jemand Bonbons auf den Weg warf. Er konnte genau hören, wie sie auf die Straße fielen, aber es gelang ihm nicht, nur ein einziges zu ergattern.

Fasser behandelt als Therapeut – und darum geht es in Im Garten der Klänge wesentlich auch – vor allem Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen. Ein 13-jähriges Mädchen ist dabei, das durch ein vorgeburtliches Hirntrauma lange Zeit nicht laufen oder sprechen konnte. Man kann sie im Film dabei beobachten, wie sie immer selbständiger wird – wie sie zunächst mit ihrer Mutter, dann allein zu den Therapieterminen kommt, dann wird sie an einem Computer sitzen und freudestrahlend berichten, dass sie nun auch sprechen lernt. Ein anderes Kind habe sich, so berichtet Fasser, durch seine vorsichtige Zuwendung überhaupt erst aus einem komagleichen Zustand gelöst und wieder Kontakt zu seiner Umwelt aufgenommen.

Es ist dieses Herstellen eines Kontaktes zur Außenwelt, in dem Fasser – so man den Eltern seiner jungen Patienten glauben mag – kleine Wunder vollbringt; und er selbst vermutet im Gespräch mit den Filmemachern, dass es seine eigene Fremdheit in der Welt sei, die ihm einen besonderen Zugang zu seinen Patienten gebe. Da er sie anders erfährt als andere Therapeuten, hat er auch andere Kommunikationswege: für ihn sind Berührungen und Geräusche entscheidend, und diese Wege scheinen es ihm zu ermöglichen, auf einer grundlegenden Ebene mit den Kindern umzugehen.

Mit einem achtjährigen Blinden sieht man Fasser verschiedene Musikinstrumente und Geräusche erproben – Xylophon, Gong, Klavier –, mit einem etwas älteren Autisten geht er ganz anders um. Ihn hat er dazu gebracht, seine Anspannungen und Aggressionen über Geräusche, über Töne auszudrücken: und wieder ist so etwas ähnliches wie Kommunikation entstanden. Die Begegnungen strahlen sehr stark aus, wie sehr sich der Protagonist des Films um seine Patienten bemüht, wie sehr er auf ihre jeweils eigenen Bedürfnisse eingeht und sie in seinem Verhalten spiegelt.

Eine besonders kritische Perspektive, auch nur eine Gegenposition wird man in Im Garten der Klänge freilich nicht finden – Bellucci will nicht mit vermeintlich investigativem Blick hinter die Kulissen schauen, sondern versteht seinen Film als offen bewunderndes Portrait, das gleichwohl nicht in die Falle tappt, seine Hauptperson völlig ohne Kanten und Sorgen zu zeichnen. Fasser, der aus seiner Heimat in der Schweiz fortgegangen ist und nun in einem kleinen italienischen Dorf lebt und arbeitet, wird nämlich auch als jemand gezeigt, der es sich in einem recht einsamen Leben gut eingerichtet hat – und dann aber auch damit umgehen muss, dass sein Blindenhund und er selbst älter werden. Seine Einsamkeit wird fast noch unterstrichen in den Szenen, in denen Fasser Töne aus der Natur einsammelt: Einsam sitzt er im Gras und lauscht über Kopfhörern dem, was seine Mikrofone aufzeichnen. Und dann sieht man den Mann etwas später mit anderen Musik machen, sogar auf einer großen Bühne, zur Begeisterung des Saales.

Vor allem zum Ende des Films hin wird der Blick auf Fasser in dieser Form genauer und gibt Im Garten der Klänge noch einmal deutlich mehr Tiefe, als der Film zuvor hatte, weil er den Menschen hinter den Therapien deutlicher hervortreten lässt. Zugleich verweigert sich Bellucci aller allzu emotionalen Gesten – er zeigt keinen Heiligen und präsentiert keinen Weltverbesserungsversuch, sondern berichtet von einem besonderen Menschen mit einem besonderen Zugang zu seiner Arbeit.

Das fügt sich ganz gut mit dem ästhetisch unaufgeregten filmischen Zugriff des Dokumentarfilms; nur gelegentlich stehen darin so fremde Bilder: Da steht Fasser im Halbdunkel in der Natur, der Nebel streicht malerisch um seine schwarze Gestalt vor blaudunklem Himmel. Wohl dem, der das sehen kann.

Im Garten der Klänge

Es ist schon ein im Ansatz ambivalentes Unterfangen, dem Leben eines Blinden in einem Dokumentarfilm gerecht werden zu wollen – aber was soll das Medium Film auch anderes machen, als mit den ihm eigenen, beschränkten Mitteln der Welt nachzuforschen? Nicola Belluccis Portrait des blinden Schweizer Physio- und Musiktherapeuten Wolfgang Fasser zeigt also immer eine Welt, wie Fasser selbst sie nicht mehr erleben kann – und will doch tief eintauchen in jene Wahrnehmungswelt, aus der sich nicht zuletzt auch seine Arbeit speist.
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Meinungen
Svenja, eine Betroffene · 11.06.2012

Kaum zu fassen! Hurra, es geht uns gut. Wenn nicht gerade Professionelle neue Erkenntnisse gewinnen, sitzen da die gängigen Konsumenten im Saal, Filmschaffende auf der Suche nach neuem Material und die, die Psychohygiene betreiben, um sich ihrer selbst willen Gewißheit in ihrem bequem eingerichteten Leben zu verschaffen, angesichts einer politischen Korrektheit, selbstredend!

Einen Blinden oder Autisten einsam zu nennen, läßt sich nur auf die geistige, radebrechende Überforderung eines Neurologisch-Typischen zurückführen. Bleibt für den ... Schreiberling nur zu hoffen, dass die vielen Vorzüge des Blinden in dem Film vertreten werden, nämlich die Sensibilisierung für die übrig verbleibenden Sinne, die Authentizität, die Direktheit, das photographische Gedächtnis, der Hang zur Präzision, die Spezialinteressen, das kreative Potenzial, die Sachlichkeit, die Resistenz gegenüber Gruppendynamiken und das hohe Maß an Selbstreflektion, um nur einige zu nennen.

Ja, bitte, geht in den Film und seid betroffen und angerührt! Leute mit Hintergrundwissen
sind immer willkommen!

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