Im Anfang war der Blick

Im Anfang war der Blick

Eine Filmkritik von Jean Lüdeke

Experimentelles

Ein meisterliches wie komplexes Film-Kunstwerk über das Erzählen und Erinnern, über die Sprachlichkeit der Worte und über die Bildlichkeit der Sprache; vor allem jedoch über die filigranen Tricks, die uns die sinnliche Wahrnehmung spielt und vorspielt. „In atemberaubenden Montagen und aufwendiger Filmtechnik dringt Bady Minck tief in die schwüle Farbigkeit der Postkarten ein, ohne je ihrem campigen Reiz zu erliegen“, lobte die Frankfurter Rundschau, „ein herausragender, poetischer Essayfilm über die Beziehung zwischen Bild und Wort, zwischen kitschigen Postkartenansichten und österreichischer Vergangenheit“, pflichtete die Neue Zürcher Zeitung wohlwollend bei.
Es ist wahrlich keine einfache Seh-Kost, dafür aber ein extrem extravagante wie eigensinnige Extrakt visuellen Erlebens; ein exaltiertes Ergebnis der fünfjährigen Arbeit der Bady Minck; ein extravaganter Kunstfilm über österreichische Landschaften. Das zentrale Element des Films ist der Einsatz von Trickfilmtechniken, Mehrfachbelichtungen, Einzelbildtechnik, Zeitraffer und Zeitlupe. Allesamt stehen die Landschaften selbst im Fokus, zum virulenten Subjekt exponiert. Die Panoramen werden dabei nicht nur einfach gefilmt, sondern ihre Strukturen und Veränderungen werden durch unzählige Ansichtskarten überdeutlich. Durch die Landschaften -rund um Eisenerz und Salzburg — reist der Dichter Bodo Hell.

Ein Poet, umringt von Büchern und Zetteln, den Worten ausgeliefert. Auf leeren Seiten eines Buches bildet sich eine Gebirgsformation, die ihn und uns auf einen Trip durch Landschafts-Topographien mitnimmt. Panoramen, deren Historie sich als bizarres Gebilde aus zahllosen ineinander geblendeten Postkartenansichten offenbaren. Bodo Hell, der Blickreisende, modifiziert sich und uns als Elementarteilchen dieser räumlichen Kunstwerke. Die wiederum verändern sich zum Postkarten-Motiv und damit zum Gegenstand im Blickfeld des Rezipienten Publikums.

Kein Wunder, dass diese artifiziellen Vexierspielchen den Lorbeerkranz Preis für das Kino der Zukunft auf dem international Festival of New Cinema in Pesaro 2003, sowie einen Award for the Most Innovative Documentary vom Roma Art Doc Fest 2005 einheimste. Die wohlstrukturierte, mit 24seitigem Booklet, Making Of und Trailer ausgestattete DVD wartet überdies mit einem Plus folgender Kurzfilme auf:

La Belle est la Bête (A/L/NL 2005, 3 min)
Ein Traum, eine Frau, eine Zunge aus Pelz: Bady Mincks La Belle est la Bête operiert an der Schnittstelle von Zivilisation und Wildnis, von Natur und Kultur, von Mensch und Tier.

Mécanomagie (L 1996, 16 min)
Ein Film über die Begegnung von Zeit und Raum, die Dehnung der Wahrnehmung und die Täuschung derselben. Die surrealen Realtrickphänomene der Pixel erschaffen eine autonome Welt, wirklichkeitsnah herbeihalluziniert wie ein seltsamer Traum.

Der Mensch mit den modernen Nerven (A/L 1988, 8 min)
Eine Hochgeschwindigkeitsfahrt durch das Rückenmark von Adolf Loos.

„Verdreht die Augen. Ein Frühling der Blicke“, titelte die Süddeutsche Zeitung. Bady Minck bezeichnet zwar seinen Doku-Coup als „Spielfilm“, jedoch kann man hier die üblichen Analyse-Kriterien und Erzählformen nur sehr komplex betrachten. Einen Versuch ist es aber mehr als Wert.

Im Anfang war der Blick

Ein meisterliches wie komplexes Film-Kunstwerk über das Erzählen und Erinnern, über die Sprachlichkeit der Worte und über die Bildlichkeit der Sprache.
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