Ihr könnt euch niemals sicher sein

Ihr könnt euch niemals sicher sein

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Jugendliche am Rande des Amoklaufs

Hätte man die Amokläufe von Emsdetten, Erfurt und Winnenden verhindern können, wenn man die versteckten Botschaften der Täter ernster genommen hätte? Eine interessante, aber kaum zu beantwortende Frage. Zum Glück warnt auch das preisgekrönte Jugenddrama von Nicole Weegmann vor allzu einfachen Lösungen.
Oliver Rother (Ludwig Trepte) ist 17 und hat Träume. Träume davon, einmal authentischer, freier und aufrechter zu leben als sein kriecherischer Vater (Jürgen Tonkel). Aber Oliver hat auch Albträume. Einer seiner schlimmsten erwischt ihn am helllichten Tag — in Gestalt seiner neuen Deutschlehrerin (Anneke Kim Sarnau). Die kann mit der sprachlichen Fantasie des Rap-Dichters rein gar nichts anfangen. Ihr ist das alles viel zu roh, brutal und obszön. Was wiederum den ziemlich begabten und zugleich hochsensiblen Hobby-Rapper aufs Tiefste kränkt. Der Konflikt zwischen den frauenverachtenden Fantasien des Schülers und der feministisch angehauchten Lehrerin spitzt sich zu, als Oliver für eine kreative Rap-Interpretation von Goethes Werther null Punkte bekommt. In dem Streit fällt aus Versehen ein Blatt auf den Boden, das die Lehrerin niemals hätte sehen dürfen: Der Text beschreibt ein Blutbad an der Schule und die tödliche Rache an der Pädagogin.

Was ist das nun? Spätpubertäre Wut auf alles, was erwachsen ist? Gesunde Reaktion auf das Unverständnis von Lehrern und Eltern? Oder die gedankliche Vorstufe zu einer Tat, die dem Gewaltfantasten jederzeit zuzutrauen wäre? Das wissen wir nicht. Und das ist gut so. Gut aufgrund der realen Problematik, dass es so enorm schwierig ist, die potenziellen Täter von den „Gesunden“ zu unterscheiden. Und gut für den Film, der seine Spannung aus einer Gratwanderung bezieht: dem Hin und Her zwischen einem möglicherweise nur ein bisschen zu sensiblen Jungen und der jederzeit in der Luft liegenden Explosion. Alles scheint möglich und es war eine kluge Entscheidung, den ursprünglich anvisierten Filmtitel „Outta Control“ in Ihr könnt euch niemals sicher sein umzuändern.

Das trifft die Atmosphäre der stimmungsvoll fotografierten Psychostudie besser (Kamera: Judith Kaufmann, die auch für Vier Minuten verantwortlich zeichnete). Oliver gerät zwar in eine seelische Krise, aber nicht außer Kontrolle. Und trotzdem weiß man nie, ob der zunehmende äußere Druck nicht doch die Sicherungen irgendwann durchbrennen lassen wird. Olivers Lage hat viel von dem, was Psychologen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung nennen. Wer als Amokläufer verdächtigt wird, kann nicht beweisen, dass er die Tat niemals begehen würde. Folglich bleibt er gebrandmarkt, auch wenn ihn Polizei und Psychiatrie laufen lassen. Es folgen Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten, die den Hass und den inneren Druck verstärken.

Gerade in der Beschreibung dieses Teufelskreises und der inneren Zerrissenheit des Protagonisten funktioniert der Film gut. Schwieriger wird es, wenn sich der Blick weitet auf die gesellschaftspolitischen Konsequenzen, die diese individuelle Geschichte nahe legt. Ist Oliver also bloß ein Opfer? Sind Hass-Texte generell als harmloses Ventil zu verstehen? Wird aus üblen Fantasien niemals eine Tat? Hier erweist sich die Stärke des mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Films, der sich konsequent auf Olivers Weltsicht einlässt, zugleich als Schwäche. Die Erwachsenen erscheinen holzschnittartig, die Aufteilung der Figuren in Gut und Böse manchmal etwas aufdringlich.

Das ändert nichts an der schauspielerischen Leistung des jungen Ludwig Trepte. Mit seinem nuancierten Wechsel zwischen Verletzlichkeit, Welthass, Selbstmitleid und Entschlusskraft sprengt er die Grenzen des bloß Schüchternen und Verdrucksten, auf den er noch in Sieben Tage Sonntag festgelegt schien. Es ist der Intensität seines Spiels zu verdanken, dass wir uns 90 Minuten lang tatsächlich nicht sicher fühlen können.

Der Film gewann im Rahmen des Fernsehfilmfestivals Baden-Baden den 3sat-Zuschauerpreis und wurde außerdem mit einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Außerdem ist er vom 18.6.2009 an auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigshafen zu sehen.

Ihr könnt euch niemals sicher sein

Hätte man die Amokläufe von Emsdetten, Erfurt und Winnenden verhindern können, wenn man die versteckten Botschaften der Täter ernster genommen hätte? Eine interessante, aber kaum zu beantwortende Frage. Zum Glück warnt auch das preisgekrönte Jugenddrama von Nicole Weegmann vor allzu einfachen Lösungen.
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Meinungen
Julia · 20.06.2009

Mein freund ist einige tage vorher gestorben wo in winneden das blut bad angerichtet wurde.Mein freund war 19 wo er vom seinen freund umgebracht wurde weill er mit seinen leben nicht klar kam.

Kommentare

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