Ich und Du und alle, die wir kennen

Ich und Du und alle, die wir kennen

Suburbias versponnene Träume vom Glück

Wäre das Kino nicht gänzlich langweilig und obsolet, wenn es komplett aus jenen Filmen bestünde, in denen millionenschwere Superstars Menschen mimen, die alles haben – den richtigen Beruf, die richtige Frisur und das richtige Leben? Wann hat man im Kino schon mal um das Leben eines Goldfischs gebangt? Designerleben, das letztendlich nur dazu führt, im Zuschauer ein Gefühl ohnmächtiger Frustration zu erzeugen, weil das eigene Dasein um so viel unwichtiger, kleiner und unglamouröser ist? Zum Glück gibt es dann doch immer wieder jene cineastischen Kleinode, die punktgenau das Leben und die Sehnsüchte der „kleinen Leute“ reflektieren. Und man möchte meinen, dass diese Art von Filmen selten so von Nöten war wie heute. Der Debütlangfilm der Amerikanerin Miranda July Ich und Du und alle, die wir kennen macht sich mit Verve daran, den einfachen Menschen von nebenan ein warmherziges, schräges und intelligentes Denkmal zu setzen.
Christine (Miranda July) ist Künstlerin und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Chauffeurin für Senioren. Kein aufregender Job, zugegeben, aber ab und an bringt er bizarre kleine Überraschungen wie etwa die Sorge um einen Goldfisch, der von seinem Besitzer auf dem Autodach vergessen wurde und den Christine mit allen Mitteln zu retten versucht. Diese und andere Erfahrungen des Lebens hält Christine in Videocollagen fest, die sie mittels Urlaubsbildern und dem Fernseher vertont und zum Leben erweckt – abstruse kleine Kunstwerke, die wahrscheinlich niemals zu musealen Ehren gelangen werden. Doch dann begegnet Christine eines Tages dem stillen Schuhverkäufer Richard (John Hawkes), der nach seiner Scheidung versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Er ist ein Träumer, ein desillusionierter Phantast, geschlagen vom Leben, aber dennoch nicht unterzukriegen. Seine beiden Söhne indes, die zeitweilig bei ihm leben, entdecken gerade die eigene Sexualität, im einen Fall – dem des gerade mal siebenjährigen Robby (Brandon Ratcliff) — dank eines Internet-Chatrooms, im anderen Fall soll der 14-jährige Miles Thompson zwei frühreifen Gören aus der Nachbarschaft als Versuchskaninchen für erste sexuelle Erfahrungen dienen. Dass sich trotz des ganzen Chaos eine Chance für Christine und Richard eröffnet, grenzt schon an ein kleines Wunder, doch daran mangelt es sowieso nicht im seltsamen Mikrokosmos der Miranda July.

Ich und Du und alle, die wir kennen / Me And You And Everyone We Know ist ein merkwürdiges Kleinod, das streckenweise an Todd Solondz’ Kleinbürger-Trägödien à la Palindrome oder Happiness erinnert und das virtuos mit kleinen Budget, genauen Beobachtungen, skurrilen Einfällen und einer versponnen-verträumten Grundhaltung zu bezaubern weiß. Deutlich ist dabei zu spüren, dass die Wurzeln der Regisseurin bei anderen Kunstformen liegen, doch das gereicht dem Film nur selten zum Nachteil, da sie nicht dem Fehler unterliegt, das „wahre Leben“ aus dem Auge zu verlieren. Eine kleine Perle, ein erfrischend anderer Erstlingsfilm, den es zu entdecken gilt.

Ich und Du und alle, die wir kennen

Wäre das Kino nicht gänzlich langweilig und obsolet, wenn es komplett aus jenen Filmen bestünde, in denen millionenschwere Superstars Menschen mimen, die alles haben – den richtigen Beruf, die richtige Frisur und das richtige Leben?
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Meinungen
· 25.10.2006

Wirklich ein besonderer Film. Mit wunderbaren Szenen: Die eigentlich belanglose Strecke zu ihren jeweiligen Autos, die der Schuhverkäufer Richard und die junge Künstlerin Christine gemeinsam zurücklegen, wird verglichen mit einem ganzen gemeinsamen Leben. Ohne sich zu kennen, unterhalten sich die beiden so, und mit einer veblüffenden Selbstverständlichkeit, als wären sie Ehepartner. Das Ende der Strecke, die Tyron Street, markiert den Tod, nachdem man ja bereits das ganze Leben gemeinsam verbracht hat. Miranda July schafft es, solche Skurrilitäten ganz behutsam zu zeigen, so dass es sich wunderbar in die Stimmung des Films einbettet. Nachdem sich die beiden schweren Herzens an der Tyron Street verabschieden, als wäre es ein kleiner Tod, begegnen sie sich auf Christines Initiative wenige Minuten später doch noch einmal, als Richard bereits im Auto sitzt. Beide sind verwirrt und sie vergleicht diese Begegenung mit dem Leben nach dem Tod. Sehr pathetisch, aber trotzdem wunderschön und sehr romantisch! Eine beeindruckende Szene, wie soviele andere in diesem Film. Wunderbar auch der kleine Robbie, der so naiv und gleichzeitig abgeklärt scheint, dass man manchmal nicht weiß, ob man schockiert sein soll oder lachen muss über seine Phantasien im Sex-Chatroom. Der Film ist deutlich leiser als "Short Cuts" oder "Magnolia", aber meiner Meinung nach nicht schlechter. Etwas behutsamer erzählt als es Todd Solondz ("Happiness", "Willkommen im Tollhaus") tun würde, dafür aber wunderbar zerbrechlich und sehr viel stimmungsvoller.

· 15.03.2006

Ein wunderbar skurriler, erfrischernder surrealer wahrer Film!

· 05.03.2006

Ein ehrlicher, sensibler und intelligenter Film!! So tragisch und schön wie das Leben.

Kommentare

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