Ich habe meinen Körper verloren (2019)

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Eine abgetrennte Hand erwacht in einem Pariser Labor und macht sich auf die Suche nach ihrem Besitzer. Dies ist der Beginn einer Reise, die nicht nur quer durch die Stadt, sondern auch zurück in der Zeit führt.

Ich habe meinen Körper verloren (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Hand auf Abwegen

Erinnert sich noch wer an das eiskalte Händchen (englisch „Thing T. Thing“) aus der Fernsehserie „The Addams Family“, das als Familienmitglied des schauerlichen Clans so etwas wie der heimliche Star war? In den ersten Szenen von „Ich habe meinen Körper verloren“ von Jérémy Clapin fühlt man sich des Öfteren an jene spezielle Mischung aus Komik und Grusel erinnert, wenn eine abgetrennte Hand spinnengleich aus einem Labor entkommt und sich auf die Suche nach ihrem ursprünglichen Besitzer bzw. jenem Restkörper macht, zu dem sie einst gehörte. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn zum einem hat die Hand keine Ahnung, wo sich ihr „Besitzer“ befindet. Und zum zweiten drohen ihr auf ihrer Suche vielerlei Gefahren, von denen hungrige Nagetiere beileibe nicht die schlimmste ist.

Während sie mehr oder minder ziellos durch die Straßen der Stadt streift, erinnert sich die Hand — eingefangen durch wunderschöne Rückblenden, die bis in die Kindheit ihres „Besitzers“ Naoufel zurückreichen, an das Leben, das nun womöglich hinter ihr liegt. Denn das letzte, was sie von dem junge Mann weiß, ist, wie er leblos am Boden liegt. Ob er noch lebt? Und ob sie sich jemals wieder begegnen werden?

Ich habe meinen Körper verloren ist ein Film mit vielen Gesichtern und wirkt dennoch fast wie aus einem Guss: Gruselkomödie, milder Körperhorror, Essay über die Wechsel- und Zufälle, die den Lauf eines Schicksal bestimmen und melancholisch-philosophisches, puzzleartiges Resümee eines Lebens, das sich erst im Laufe der Zeit zu einem schlüssigen Ganzen zusammensetzt — all das steckt in diesem Film, der sich definitiv nicht an Kinder, sondern vielmehr an Erwachsene mit (Entdecker)Lust auf ungewöhnliche Filme richtet. Einzig, dass die Rolle von Naoufels love interest Gabrielle nicht genügend Raum zur Entfaltung bekommt, ist eine der wenigen Schwächen, die sich der Film leistet.

Neben den visuellen Reizen, die gar nicht erst versuchen, die technische Perfektion von Pixar und anderen Studios nachzuahmen, sondern die vielmehr sichtbar und selbstbewusst in der Tradition des europäischen Animationsfilms und der ligne claire stehen, hat der Film aber auch für die Ohren einiges zu bieten. Das liegt vor allem an dem brillanten Sounddesign und der pointierten Filmmusik aus der Feder von Dan Levy, der sonst in der Musikwelt vor allem als Bestandteil des französischen Duos The Dø Bekanntheit erlangt hat.

Wem der skurril-versponnene und schwebend-verträumte Charme des Films bekannt vorkommt: Die literarische Vorlage zu Ich habe meinen Körper verloren heißt Happy Hand und stammt aus der Feder von Guillaume Laurant, der als Drehbuchautor unter anderem an Die fabelhafte Welt der Amélie und anderen Filmen Jean-Pierre Jeunets mitwirkte.

Ich habe meinen Körper verloren zählte in diesem Jahr beim Filmfestival von Cannes neben dem gleichfalls animierten Les hirondelles du Kaboul zu den wohl schönsten Entdeckungen des Festivals und gewann den Nespresso Grand Prix in der Sektion Semaine de la Critique. Der wird trotz des Namens schon seit langem an der Croisette vergeben, ist der Hauptpreis der Semaine und lenkt den Blick auf herausragende neue Talente, von denen noch einiges zu erwarten ist. Jérémy Clapins Film allerdings ist nun der erste Animationsfilm, dem diese Ehrung zuteil wird.

Statt im Kino ist der Film nun auf Netflix gelandet und zählt dort neben dem animierten und gleichfalls sehr gelungenen Weihnachtsfilm Klaus zu den schönsten Neuentdeckungen in einem Monat, der nicht gerade wenig zu bieten hat. Aber auch sonst darf und muss man auf die nächsten Filme von Jérémy Clapin gespannt sein. Die sich etablierende Szene von bemerkenswerten Animationsfilmern, die sich auch an „erwachsene“ Stoffe heranwagen, ist mit ihm jedenfalls um eine Stimme und eine Handschrift reicher geworden.

Ich habe meinen Körper verloren (2019)

Eine abgeschnittene Hand entkommt einem Dissektionslabor und macht sich auf die Suche nach dem Körper, zu dem sie einst gehörte. Während die Hand nun durch die Rinnsteine von Paris kriecht, erinnert sie sich an das Leben mit dem jungen Mann, mit dem sie einst verbunden war — bis sie auf Gabrielle trafen. 

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