I Declare War

I Declare War

Eine Filmkritik von Peter Osteried

"You're not fun to play with"

Die beiden Regisseure Jason Lapeyre und Robert Wilson haben mit I Declare War eine spielerische und erschreckend reale Mischung aus Francis Ford Coppolas Apocalypse Now und William Goldings Lord of the Flies vorgelegt – mit einem reinen Jugendcast.
Die Variation des Themas geht nicht so weit wie bei Coppola oder Golding – das soll und muss sie auch nicht. Die zwei gegnerischen Gruppen – die seit über einem Monat im Wald Krieg spielen – befinden sich noch mitten im Kampf. Es sind noch (fast) keine Traumata entstanden. Das Kriegsspiel dient hier als Regelwerk und Austragungsmittel für aufgestaute Energien. Die zwischenmenschliche und ungeheuer emotionsgeladene Atmosphäre nährt sich aus ganz grundlegenden Empfindungen: Neid, Kränkung, Wut, Hass und Liebe. Und diese Gefühle sind hier im allerbesten Sinne noch kindlich, also noch roh, ungeschliffen und wahr. Als Zuschauer ist es befreiend, den zivilisatorischen Erwachsenen-Verhaltenskodex von überlegt und dosiert entladenen Emotionsausbrüchen, dieser echten und reinen Form des Gefühls, entgegengesetzt zu sehen.

Besonders unkontrolliert agiert der wahnsinnige und unheimliche "General" Skinner (Michael Friend), der nicht davor zurückscheut, seine eigenen Leute zu töten, um seinen Willen durchzusetzen. Friends großartige Darstellung lehnt sich Marlon Brandos Colonel Kurtz und nur ein wenig an Goldings Jack an. Er nimmt – den Regeln widersprechend – den gegnerischen Kwon (Siam Yu) gefangen und quält ihn. "General" PK (Gage Munroe), Goldings ordnungsliebender Ralph, setzt aber mit seiner Truppe alles daran, Kwon zu befreien und wie immer den Krieg zu gewinnen.

Als die Verhaltensregeln des Spiels verletzt werden und die festgelegten moralischen Grundregeln keine Rolle mehr spielen, ist man sprichwörtlich im Wald allein gelassen. Die Filmhandlung war vorher an den Regeln des Krieges strukturiert und nun kann sich plötzlich die Richtung ändern, diese Unvorhersehbarkeit steigert die Spannung inhaltlich und visuell bis zum Schluss.

Auch wenn die Regeln des Spiels gebrochen werden, wird weiter gemacht. Es findet eine Automatisierung statt, derer sich die Jugendlichen nicht ganz entziehen können. Ab und zu stirbt einer der Soldaten an einer roten Farbbeutelattacke ("Handgranate") und geht ganz einfach nach Hause, verlässt den physischen und mentalen Spielraum. Hier wird die Imagination dann kurzzeitig hart durchbrochen – im Gegensatz zu Golding und Coppola. Visuell verschwimmen Wahrnehmung der Realität und Vorstellungen ständig. Schnitt- und Kameraarbeit des Films bedienen dabei Sehgewohnheiten aus Kriegsfilmen einerseits, überraschen jedoch in Ton und Tricktechnik andererseits durch ihren ungewöhnlichen Einsatz. In der einen Sekunde sehen wir einen dicken Ast im Arm von Frost (Alex Cardillo), in der nächsten ist es eine Bazooka. Zu beiden Einstellungen hören wir Schüsse richtiger Waffen, die Grenzen zwischen Spiel mit simpler Farbe und Krieg mit echtem Blut sind fließend. Das ist auch beim Zuschauen schmerzhaft.

Anstatt in erster Linie den Wahnsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges zu entlarven – was der Film dennoch tut – geht es in I Declare War vor allem um automatisierte Mechanismen in ungeregelter Umgebung und die atmosphärische Reibung, die zwischen den einzelnen Kriegsprotagonisten einerseits und den realen Freunden andererseits entsteht. Am Ende sind wir wieder bei den natürlichsten Gefühlen angekommen und als Zuschauer fühlt man sich erlöst, wenn die Metaebene des Spiels gebrochen wird und es einfach heißt: "Mit Dir macht es keinen Spaß zu spielen".

(Jennifer Borrmann)
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I Declare War lädt zu Vergleichen mit Herr der Fliegen ein. Diese sind aber pure Oberfläche. Tatsächlich ist dieser Film, wenn man so will, ein Krieg der Knöpfe, der nicht nur droht, aus Spiel bitteren Ernst zu machen, sondern irgendwo im Reich zwischen Realität und Einbildung angesiedelt ist. Wie für die Figuren, so verwischt auch für den Zuschauer die Barriere zwischen dem, was tatsächlich passiert, und dem, was man in einer Kriegsgeschichte erwartet oder sich vorstellt.

Ein paar Kinder spielen im Wald Krieg. Es gibt zwei Gruppen, die von P.K. und die von Quinn, die jeweils ein Basislager haben, in dem eine Fahne aufgestellt ist. Wer den Krieg gewinnen will, muss die Fahne des Feindes in seinen Besitz bekommen. Es gibt feste Regeln, aber Skinner widersetzt sich diesen. Er reißt das Kommando einer Gruppe an sich, nimmt den besten Freund von P.K. gefangen und folgt einer eigenen Agenda, die für seinen Gefangenen zur realen Gefahr wird.

Wer dabei an Herr der Fliegen denkt, denkt auch an den Zusammenbruch der Zivilisation und den Absturz in die Barbarei. Genau das gibt es hier nicht. Hier gibt es einen Krieg, der nach klaren Regeln funktioniert. Und wie in jedem Krieg werden diese Regeln überschritten und gebrochen. Am Ende zählt nur der Sieg, was das Finale des Films umso bemerkenswerter macht. Denn ganz plötzlich merkt man, worum es wirklich geht. Hier ist Krieg der ultimative Test wahrer Freundschaft. Jede Beziehung wird in diesem Film einem Test unterzogen, und jede Freundschaft wird als das gezeigt, was sie wirklich ist. Es gibt echte Freunde, ehemalige Freunde und Jungs, die einfach nur miteinander abhängen, aber deren Freundschaft nur behauptet ist. Am Ende steht die Erkenntnis, dass nach diesem "Krieg" nichts mehr ist, wie es zuvor war. Beziehungen werden neu definiert, Vertrauen wird enttäuscht und eine Freundschaft verraten – alles im Namen des Siegs.

I Declare War ist cleveres Erzählkino, das trotz des Waldsettings mit all seinen Fallstricken elegant gefilmt ist und eine Zwischenwelt erschafft, in der aus Spielzeugwaffen echte Knarren und aus mit Wasser gefüllten Luftballons Granaten werden. Damit einher geht ein gelungener Soundmix, der die Geräuschkulisse eines Kriegsfilms imitiert.

Die Figuren bleiben immer Kinder, mit entsprechender Motivation, aber auch Rechtfertigung. Es ist die Welt der Erwachsenen, wie Kinder sie wahrnehmen. Auch das trägt dazu bei, dass I Declare War nicht nur für Erwachsene interessant ist, sondern auch für den Nachwuchs. Es wäre überzogen, das Werk einen Familienfilm zu nennen, aber mit der klar formulierten Botschaft, die am Ende weniger wuchtig, als vielmehr leise und nachhallend daherkommt, ist der Film ganz plötzlich auch ein Lektion darüber, was Freundschaft ausmacht und dass sie keine Einbahnstraße ist. Letzten Endes muss jeder sich entscheiden, welche Prioritäten er setzt. Aber indem man das tut, zeigt man auch sein wahres Gesicht, das jenen, die einen bislang geschätzt haben, nicht gefallen könnte.

I Declare War

Die beiden Regisseure Jason Lapeyre und Robert Wilson haben mit "I Declare War" eine spielerische und erschreckend reale Mischung aus Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" und William Goldings "Lord of the Flies" vorgelegt – mit einem reinen Jugendcast.
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