Homecoming (TV-Serie, 2018)

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Am Qualitätsfernsehen kommt selbst Kinostar Julia Roberts nicht mehr vorbei. Serienerfinder Sam Esmail („Mr. Robot“) schickt sie in ein vieldeutiges Verwirrspiel um Kriegsveteranen und einen Gedächtnisverlust.

Homecoming (TV-Serie, 2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Detailreicher Thriller an den Grenzen der Wahrnehmung

Alles deutet auf ein Politdrama hin: Vom Kriegseinsatz traumatisierte Soldaten sollen in einer neu geschaffenen Einrichtung in Florida wieder ins zivile Leben eingegliedert werden. Doch Showrunner, Produzent und Regisseur Sam Esmail hat mit seiner zweiten, gemeinsam mit Micah Bloomberg und Eli Horowitz geschaffenen Fernsehserie anderes im Sinn. Sein Hacker-Serienwahn „Mr. Robot“ und Alfred Hitchcock lassen grüßen. Nichts ist, wie es scheint.

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Sam Esmail beherrscht das Detail teuflisch gut. In seiner Fernsehserie Mr. Robot, die Hauptdarsteller Rami Malek (Bohemian Rhapsody) zwei Nominierungen für den Golden Globe und einen Primetime Emmy Award einbrachte, manipuliert Esmail sein Publikum durch Einzelheiten. Kleine Abweichungen von der Norm, minimale Verschiebungen der Sehgewohnheiten genügen dem 1977 geborenen US-Amerikaner, um Beklemmung zu erzeugen. Das Gefühl, das hier etwas nicht stimmt, kriecht einem den Rücken hoch. Fassen lässt es sich kaum.

Bei Homecoming steckt der Teufel in der Tonspur (und setzt sich im Bild fort). Pino Donaggios Streicher lullen einen ein. In einer sternenklaren Nacht weht eine Palme im Wind, bevor Tod Campbells Kamera aufzieht und das Ensemble als Ausstattung eines Aquariums entbirgt. Eine künstliche Welt, die die echte, draußen vor dem Fenster, spiegelt. Das Aquarium steht in Heidi Bergmans (Julia Roberts) Büro, in dem alles streng symmetrisch angeordnet ist. Kurz bevor ihr erster Klient Walter Cruz (Stephan James) den Raum betritt, rückt sie ihren Kugelschreiber gerade, exakt parallel zur Tischkante. Eine Frau mit Zwängen und einem noch größeren Problem, wie Donaggios Tonfolge Filmkennern verrät. Der 1941 geborene Italiener hat seine Musik nicht eigens für Esmails Fernsehserie, sondern für seinen Stammregisseur Brian De Palma und dessen Psychothriller Dressed to Kill (1980) geschrieben.

Die beinahe 40 Jahre alte Komposition klingt im Hier und Jetzt deplatziert. Esmail setzt ganz bewusst auf Verfremdung. Der komplette Soundtrack besteht aus Samples seiner liebsten Filmmusiken – von Bernard Herrmanns Score zu Alfred Hitchcocks Vertigo (1958) über Ennio Morricones Titelthema zu John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (1982) bis zu Clint Mansells Klängen aus Ben Wheatleys High-Rise (2015). Unzählige Psycho- und Paranoiathriller sind darunter. Alle erzählen von verborgenen Wahrheiten oder Eskalationsspiralen. Esmails Sampling ist ein bis dato einmaliger Vorgang und wie so vieles an Homecoming eine außergewöhnliche Entscheidung. Julia Roberts spielt erstmals in einer Fernsehserie. Die Produktion der Amazon Studios basiert auf einem prominent besetzten Podcast.

Heidi Bergman lächelt und hört zu. Während ihr Kollege Craig (Alex Karpovsky) mit den Soldaten Alltagssituationen durchspielt, bohrt Heidi nach ihren Traumen und Träumen. Walter hadert mit dem Tod eines Kameraden und wünscht sich eine Reise in den Yosemite-Nationalpark. Er ist besonnen, reflektiert und lockt seine Therapeutin mit Gegenfragen und Lausbubenstreichen aus der Reserve. Ein zartes Band entspinnt sich, irgendwo zwischen Mutterinstinkt, Helfersyndrom, Freundschaft und körperlichem Verlangen, das Heidi für ihren Partner Anthony (Dermot Mulroney) schon lange nicht mehr empfindet. Für einen kurzen Moment scheint eine erfolgreiche Rückkehr ins Leben nach dem Kriegseinsatz möglich, doch Heidis Vorgesetzter Colin Belfast (Bobby Cannavale) und seine Firma führen anderes im Schilde. Die Rehabilitationseinrichtung wird nicht staatlich, sondern privatwirtschaftlich finanziert.

Die Drehbuchautoren Micah Bloomberg und Eli Horowitz erzählen ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen, die Esmail in 10 Episoden formvollendet miteinander verwebt. Vier Jahre nach den Ereignissen des „Homecoming“-Programms spürt Thomas Carrasco (Shea Whigham), ein Beamter des Verteidigungsministeriums, einer Beschwerde nach und Heidi als Kellnerin eines billigen Fischrestaurants auf. Diese narrative Gegenwart hat Esmail in ein quadratisches 1:1-Format gepresst. An ihre Arbeit mit den Soldaten kann oder will sich Heidi nicht erinnern.

Die Form spiegelt den Inhalt. Heidis eingeschränkte Erinnerung begrenzt die Sicht des Publikums. Gemeinsam mit den Soldaten sitzt es wie Goldfische in einem Aquarium, dessen Ausmaße unklar sind. In der Vergangenheit des Jahrs 2018 füllen die Einstellungen noch den kompletten Schirm. Campbells elaborierte Kamerafahrten blicken hinter die Kulissen, dorthin, wo die Soldaten keinen Zugang haben. Immer wieder zeigt Campbell Räume in der Aufsicht, als ob seine Kamera den Beteiligten direkt in die Köpfe schaut. Und da ist es wieder, dieses Gefühl, das hier etwas nicht stimmt. Warum sonst sollte Colin Belfast jegliche direkte Verbindung zu Heidi und zur „Homecoming“-Einrichtung meiden? Lange Zeit ist er lediglich ein Gesicht auf der anderen Seite eines Split-Screens, wenn er telefonisch seine Anweisungen erteilt.

Bloomberg und Horowitz legen falsche Fährten. Wem ist in diesem Puzzlespiel zu trauen? Liegt Walters Freund, der Soldat Joseph Shrier (Jeremy Allen White), mit seiner Vermutung richtig, überhaupt nicht zu Hause zu sein, sondern irgendwo in einem nachgebauten Florida auf einer US-Basis im Ausland? Oder hat ihn der Militärdienst paranoid gemacht? Hat Heidi ihr Gedächtnis tatsächlich verloren oder spielt sie Thomas Carrasco etwas vor, um das Ausmaß ihrer Verfehlungen zu vertuschen? Und was ist zwischen Heidi und Walter geschehen?

Esmail beherrscht die Balance zwischen Suspense und Überraschung. Bei deren Umsetzung beweist er nicht nur ein Gespür für seine technischen Mittel, sondern auch in der Schauspielerführung. Homecomig ist voll intensiver Dialoge. Intime Zwiegespräche, die Gänsehautmomente erzeugen – etwa die Miniaturen zwischen Julia Roberts und ihrer Serienmutter Sissy Spacek oder zwischen Roberts und Marianne Jean-Baptiste, die Walters Mutter spielt. Für Roberts Rolle hätte man sich auch jemand anderes vorstellen können, etwa Catherine Keener, die Heidi Bergman im Podcast sprach. Im Zusammenspiel mit Stephan James und Bobby Cannavale läuft die Oscarpreisträgerin dennoch zur Hochform auf. Für den verunsicherten, mausgrauen Bürohengst Thomas Carrasco gibt es indes keine bessere Wahl als Shea Whigham.

Esmail entwirft eine Welt voller Spiegelungen, die mannigfache Interpretationsspielräume eröffnet – angefangen bei filmischen Verneigungen, etwa vor Hitchcocks Spellbound (1945), über sprachliche wie Heidis skrupellosem Arbeitgeber, der auch im englischen Original den mehrdeutigen deutschen Namen „Geist“ trägt, bis hin zu allegorischen Verweisen wie einem Pelikan, der in der christlichen Ikonografie für die Opferbereitschaft Jesu Christi steht, die auch Heidi im Finale offenbart.

Die Antwort auf die Frage, was tatsächlich geschah, ist wie bei Hitchcock unbefriedigend. Ein simpler MacGuffin, der die Handlung vorantreibt. Auch bei Esmail ist das Wie entscheidender als das Was und das Warum, dafür aber jede Episode über höchst sehenswert.

Homecoming (TV-Serie, 2018)

Heidi Bergman war einst Sachbearbeiterin bei „Homecoming“, einer Organisation, die Soldaten bei dem Wechsel ins zivile Leben hilft.  Jahre später hat sie selbst ein neues Leben begonnen, doch dann steht eines Tages ein Beamter der Verteidigungsministeriums vor der Tür und fragt sie nach den Gründen für ihr Ausscheiden. Und plötzlich wird ihr klar, dass sie sich all die Jahre darüber eine Story zurechtgelegt hat, die nichts mehr der Realität zu tun hat.

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