Himmelverbot

Himmelverbot

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Leben mit der Knast-Legende

Zum Abschied wird zusammen gekocht. In der Gemeinschaftszelle. Im Knast in Rumänien geht es fast familiär und recht freundlich zu – zumindest zu außergewöhnlichen Anlässen und so lange die Kamera dabei ist. Gavriel Hrieb hat hier über 20 Jahre eingesessen, jetzt wird er auf Bewährung entlassen. Regisseur Andrei Schwartz hat ihn vor gut zehn Jahren während der Dreharbeiten zu Jailbirds – Geschlossene Gesellschaft kennengelernt. Nun ist der Rumäne mit der dunklen Vergangenheit der Protagonist in seinem neuen Film Himmelverbot.
Ein stiller Protagonist, der in den zehn Jahren, die zwischen den Filmen liegen, sichtlich gealtert ist. Blasses, schattiges Gesicht, ein Gitter von Falten zieht sich über die Wangen. Kleine, schmächtige Gestalt, große, ernste Augen. Es ist fast so, als schaue Otto Sander als nachdenklicher Engel in die Welt der Menschen. Und die Welt, sein Land, die Stadt, das alles muss auch Gavriel ziemlich fremd vorkommen. Über zwei Jahrzehnte war er weggesperrt – denn ein Engel ist er nicht.

Er habe eine Staatsanwältin erschossen, weil sie ihm gegenüber gehässig worden sei und ihn "lausiger Jude" nannte, das erzählte Gavriel Andrei Schwartz schon 2002 während Jailbirds. Auf die Frage, ob er jemanden wie ihn entlassen würde, antwortete er damals mit "nein". Diese Szenen bilden jetzt den Auftakt zu Himmelverbot. Andrei Schwartz hat mit Gavriel über die Jahre Kontakt gehalten und zehn Jahre später ist es dann doch so weit: Bewährung wird gewährt. Nun ist Andrei Schwartz dabei, wie sein Protagonist sich aus der Knastwelt verabschiedet und wieder Fuß zu fassen versucht in der Welt da draußen. Im Rumänien, das der Regisseur im Teenageralter verlassen hat. Über zwei Jahre begleitet er nun Gavriel, zu dem er trotz seiner Vergangenheit viel Sympathie hat. Das stellt auch der persönliche Kommentar des Regisseurs klar, der seine Beziehung zum Protagonisten und zu Rumänien pointiert aus dem Off thematisiert und auch vor der Kamera interagiert der Regisseur mit seinem Protagonisten.

Denn Himmelverbot ist nicht nur ein Film über die Versuche eines Haftentlassenen wieder in der Gesellschaft anzukommen, nicht nur ein Film über ein Leben mit Schuld. Himmelverbot ist auch ein Film über das Verhältnis eines Filmemachers zu seinem Protagonisten, über Vertrauen und Enttäuschung, Wahrheit und Lüge. Doch das merkt der Zuschauer erst im Lauf des Films – genauso, wie es Andrei Schwartz erst im Lauf der Zeit gemerkt hat.

Zunächst ist da die familiäre Freude über Gavriels Rückkehr in sein altes Jugendzimmer, zu Mutter und Stiefvater, dem Bruder und dessen Familie in die kleine Wohnung. Verwandtenbesuche im Heimatdorf seiner Eltern, das Aufsuchen vertrauter Orte, ein Wandeln auf den Spuren der Vergangenheit. Der Versuch, wieder mit seiner Ex-Frau anzukoppeln, die jetzt in Frankreich lebt. Langsam schleicht sich Ernüchterung ein: er fühlt sich unwillkommen und einsam, es findet sich kein Job, alte Konflikte brechen auf. Man fühlt mit dem stillen Mann mit den traurigen Augen, auch der Regisseur tut es, das kann man in gemeinsamen Szenen vor der Kamera sehen. Man wünscht sich, dass Gavriel es schafft, mit seiner Vergangenheit klarzukommen und in seinem neuen Leben anzukommen. Mit seiner traurigen Erscheinung ist er ein echter Sympathieträger.

Doch dann ist da eben die Tat, die er begangen hat. Die Tat, von der Regisseur und Zuschauer nur Gavriels Erzählung kennen. Die Tat, über die der Regisseur schließlich doch mehr wissen will und nachzuforschen beginnt. Und nachdem er Gavriel zu einem Job in Deutschland verholfen hat, macht er in Bukarest eine Entdeckung...

Himmelverbot ist ein Dokumentarfilm, der mit einem Protagonisten zwischen Notlüge und Lebenslüge, mit einer klaren Autorenhandschrift und durch seine Bedachtheit und seinen Rhythmus überzeugt. Ein Film, den man ein zweites Mal sehen möchte: Wird man dann Gavriel mit anderen Augen sehen?

Himmelverbot

Zum Abschied wird zusammen gekocht. In der Gemeinschaftszelle. Im Knast in Rumänien geht es fast familiär und recht freundlich zu – zumindest zu außergewöhnlichen Anlässen und so lange die Kamera dabei ist. Gavriel Hrieb hat hier über 20 Jahre eingesessen, jetzt wird er auf Bewährung entlassen.
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