Himizu

Himizu

Ein Tsunami an Gewalt und Depression

Sion Sono mal wieder, der es seinem Publikum auch mit Himizu nicht unbedingt leicht macht. Aus verschiedenen Gründen. Die aber alle darauf hinauslaufen, dass man sich nach dem Film wie erschlagen fühlt. Leider auf keine angeregte, sondern eher erschöpfte Weise.
Himizu basiert auf einem Manga und erzählt eine harsche „coming of age“-Geschichte. Yuichi (Shota Sometani) kommt aus einer hoffnungslos zerrütteten Familie und ist sowohl seelisch als auch körperlich angeschlagen. Trotzdem aber wird er von Keiko (Fumi Nikaido), einer Mitschülerin, fanatisch verehrt, was spätestens dann sowohl tragische als auch brutale Konsequenzen hat, als ein Gangster auftaucht, der von Yuichi die Schulden seines Vaters einfordert.

Und als wäre diese „coming of age“-Spirale nicht schon genügend düster und nihilistisch, wurde das Drehbuch nach der Tsunami-Katastrophe 2011, als der Film bereits in Produktion war, nochmal geändert. Um letztendlich sowohl im Vordergrund als auch im Hintergrund Hoffnungslosigkeit zu verbreiten. Selbst wenn ausgerechnet die post-Tsunami-Bilder auch positive Zukunftsaussichten evozieren sollen.

Über zwei Stunden geht es in Himizu um Gewalt, Vernachlässigung, Gefühlskälte und Depressionen. Verpackt in einen „coming of age“-Rahmen, den man gerade aus Japan schon sehr, sehr oft gesehen hat. Und der sich auch öfter ein Bein stellt, wenn nämlich Sion Sono mal wieder die tonale Achterbahn besteigt und mühsam aufgebaute Sympathiepunkte mit gefühlt endlosen Prügeleien oder hingeknallten Nebenfiguren torpediert.

Irgendwie will Himizu einfach nicht in die richtige Spur finden. Die beiden Hauptfiguren strömen nicht gerade Charisma aus, solche Karikaturen wie ein Neonazikiller oder der böse Gangster bleiben eindimensional und diese Verbindung aus Comicgewalt und einem Hintergrund, der hyperrealistische Tragik absondert, funktioniert ebenfalls nicht richtig. Das jugendliche Leben als deprimierendes Jammertal. Und auf der Tonspur erklingt dazu natürlich Mozarts Requiem.

Wenn Himizu der erste Sion Sono-Film ist, den man sieht, dürften diese Kritikpunkte noch weit weniger Anklang finden, weil natürlich schon Extreme gesucht werden, emotionale Attacken passieren und immer wieder unerwartete Ereignisse überraschen. Für alle fortgeschrittenen Weggefährten dieses Regisseurs jedoch entfaltet sich hier eine Art Remix, der mit seinen Bestandteilen schon öfter zu sehen war. Und dabei nicht halb so unbarmherzig kalt ankam wie hier.

Die kaputten Figuren aus kaputten Familien. Der fast schon satanische Gangster. Plakative Nazis/Sektenbrüder. Klassische Musik. Ein schreiender Monolog. Herumgeschmiere mit Farben. Und so weiter und so Love Exposure, Guilty of Romance, Cold Fish, Suicide Club und Co. Was alles natürlich hochwillkommene Messlatten sind, sofern denn nicht das Gefühl bestünde, dass hier ein Regisseur seine Ecke gefunden hat und Love Exposure über allem thront. Sprich: der Output von Sion Sono einfach zu hoch ist. Und es darüber eher erstaunt, wie hoch die Qualität seiner Filme nach wie vor bleibt.

Letztendlich ist nämlich auch Himizu trotz aller Hindernisse ein sehenswerter Film. Man spürt das Talent seines Regisseurs an vielen Ecken und Enden…und merkt gleichzeitig, dass sich Sion Sono einen Urlaub gönnen sollte. Um danach die genannten Messlatten auch mal wieder überbieten zu können.

(Martin Beck)
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Himizu ist ein Film, den es so eigentlich nicht geben sollte. Ursprünglich wollte Regisseur Sion Sono nach seiner abgeschlossenen „Hass-Trilogie“ einen Manga des Zeichners Minoru Furuya mit dem Titel Himizu verfilmen. Im Frühjahr 2011 war das Drehbuch bereits geschrieben und die Produktion sollte im Mai beginnen, da überrollten Japan die fürchterlichen Ereignisse: Erst das gewaltige Erdbeben, dann der zerstörerische Tsunami und schließlich auch noch die nukleare Katastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima. Und Sono war klar, dass sein Film nun ein anderer werden müsse, so wie Japan nach dem 11. Mai ein anderes geworden war. In diesem Sinne formte er das Drehbuch zu Himizu um und hat damit wohl (auch dank seiner schnellen und sparsamen Art des Filmemachens) den ersten relevanten Post-Tsunami Film gedreht.

Es ist die Geschichte des jungen Yuivhi Sumida (Shota Sometani), der eigentlich nur ein ganz gewöhnliches Leben leben möchte. Ein Leben, ohne jemandem zur Last zu fallen. Doch alles scheint sich gegen diesen Plan verschworen zu haben: Eine nervige Mitschülerin stalkt ihn, sein eigentlich abwesender Vater besucht ihn nur alkoholisiert und pleite — und seine Mutter zieht mit ihrem Liebhaber davon und lässt ihren depressiven Sohn allein zurück. Umrahmt wird diese dysfunktionale Familiengeschichte durch eine Gruppe von Tsunami-Überlebenden, die in Kartons und Zelten wohnen, da sie ihr Hab und Gut verloren haben. Als die Yakuza den Jungen mit dem Tod bedrohen, wird einer von ihnen unerwartet zu Sumidas Freund.

Himizu ist eine Wucht. Eine radikale, laute, rohe und provozierend lärmende Oper, die im Minutentakt zwischen zärtlich-romantischer Liebesgeschichte und verzweifelt-tragischer Untergangsvision oszilliert. Wie schon in seinen letzten Filmen, Love Exposure, Cold Fish oder Guilty of Romance ist es Sono gelungen, wunderbar dichte Kinomomente zu schaffen. Dabei bewahrt sich der japanische Regisseur seine unnachahmliche Art Gewalt, Fetischismus und Liebe zu inszenieren. Er wiederholt sich nicht, sondern entwickelt konsequent seinen Stil weiter, der auch diesmal wieder durch eine beeindruckende Originalität glänzt.

Inhaltlich zeigt sich das vor allem durch die stark ausgearbeitete politische Komponente. Himizu kreiert intelligente Szenen der Autoritätskritik. Das Verhältnis zwischen der jungen und alten Generation ist zutiefst gestört. Der prügelnde Vater, die saufenden Obdachlosen, die gleichgültige Mutter, der plumpe Lehrer – ihr Verhalten übt einen derart starken Druck auf die jungen Japaner aus, dass sie nicht anders können, als entweder in Depressionen zu verfallen oder diese Perspektivlosigkeit und Enge durch einen Ausbruch krasser Gewalt zu kompensieren. Sono dekliniert dies an vielen Beispielen durch, wobei er überraschenderweise auch direkte visuelle Zitate aus Meisterwerken des amerikanischen Kinos nutzt. The Deer Hunter oder Taxi Driver werden unmissverständlich herbeigerufen, um ein kollektives Trauma zu greifen, das nach dem verheerenden Tsunami an die Oberfläche der japanischen Gesellschaft gespült wurde. Interessant ist es auch, wie radikal Sono mit der Atomkraft abrechnet: So wird ein Neonazi umgebracht, während im Fernseher die Folgen der weiteren Atomkraftpolitik verhandelt werden. In dieser Szene findet sich die Essenz einer Sono-Aussage: Atomkraft ist Hitler und muss sterben.

Anders als man es vielleicht erwartet hätte (wenn man die Entstehung des Filmes betrachtet), verkommt Himizu nie zum plumpen Thesen- und Agitproptheater, sondern ist immer zuallererst Kino. Das ist hier so wirkungsvoll und überwältigend, dass man sich fragt, ob der in seiner Heimat kontrovers diskutierte Regisseur nun endlich seinen wohlverdienten Durchbruch schaffen könnte, so dass der Name Sion Sono nicht länger ein Schattendasein unter eingeweihten Kritikern und Fans fristen muss. Das wäre ohnehin schon längst mal fällig.

Übrigens (um mal die Wirkung des Films etwas überspitzt zu verdeutlichen): Es gab mal eine Zeit, da hatte auch Deutschland zwei Regisseure, die genau wie Sion Sono die gesellschaftlichen Traumata in einen eigenen Filmkosmos bannten und dadurch die kollektive Schuld und ihre Bewältigung thematisierten. Aber Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter sind längst tot. Und so bleibt uns nur noch das Kultkino Sion Sonos, das uns jene ungehemmte Unmittelbarkeit einer Kinoerfahrung bieten kann, die wir ansonsten vermissen.

(Festivalkritik Venedig 2011 von Patrick Wellinski)

Himizu

Sion Sono mal wieder, der es seinem Publikum auch mit „Himizu“ nicht unbedingt leicht macht. Aus verschiedenen Gründen. Die aber alle darauf hinauslaufen, dass man sich nach dem Film wie erschlagen fühlt. Leider auf keine angeregte, sondern eher erschöpfte Weise.
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