Hier (2018)

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Marokko: Heiß, trocken, hell. Der perfekte Ort für einen Noir-Thriller um einen Bauunternehmer, der sich auf der Suche nach einer früheren Geliebten immer mehr verirrt, im Land, in der Wüste, in sich selbst: „Gestern“, eine ungarisch angeführte internationale Koproduktion, entwickelt sogartige Spannung.

Hier (2018)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Noir im Sonnenlicht

Ankunft in Marokko: Victor Ganz (Vlad Ivanov) ist der Macher. Als CEO einer Baufirma weiß er Bescheid. Hat engen Kontakt zum Minister (Féodor Atkine), weiß, wie er sich bewegen muss im Irrgarten nordafrikanischer Unternehmens-Methoden. Ein feines Wohlstandsbäuchlein trägt er vor sich her, das ist sozusagen Statussymbol; genauso wie das Fitness-Laufband, das er sich ins Hotelzimmer stellen lässt. Victor Ganz wird’s schon richten.

Nur, dass es gar nichts zu richten gibt. Der Minister empfängt ihn als alten Freund, gibt sich ganz dicke mit Victor, und von einer Arbeitsunterbrechung an der Baustelle am Hafen weiß er nichts. Was war das dann für eine E-Mail, die Victor am Freitagabend erhalten hat? Und wer ist der Mann mit Glatze, der unbedingt ein Motel von ihm abkaufen will, das er fast vergessen hat? Und wo, verdammt nochmal, ist eigentlich Sonia?

Sonia (Toulou Kiki) heißt eigentlich anders. Wie, weiß Victor nicht. Er durfte ihr einen Namen geben, damals, das letzte Mal hier im Land, als die beiden zusammen waren, eine heftige Liebe. Bis sie verschwunden ist. Victor besucht die Bar, wo sie als Sängerin gearbeitet hat. Sängerin, das ist natürlich eine Chiffre für Nutte, Victor weiß es, verdrängt es aber. Da huscht jemand vorbei, ein Schatten, ein Schemen – das Phantom Sonia?

Irgendwann sitzt Victor alleine in der Wüste, zerschunden und verwundet, weil er verprügelt worden war, weil der Bus liegengeblieben ist, weil das Motel, um das sich so Vieles dreht, völlig heruntergekommen ist und die Frau, die ihm der Glatzkopf anbietet, nicht die war, die Victor sucht. Nachts treffen sich die kriminellen Waffenhändler. Der Pick-up-Truck, der da steht: den hat Victor damals seiner Sonia gekauft. Wunderliche Begegnungen mit wunderlichen Menschen: Ein alter Arzt im Hotel, der sich erinnern kann. Nur, dass seine Erinnerungen nicht so recht zu Viktors passen, und das passt ihm nicht. Ein Professor in einem Wohnmobil im Nichts, der beinahe ausgestorbene Tiere erforscht, für ihn hat Sonia einst übersetzt. „Übersetzt“, in Anführungszeichen. Victor klaut dessen Auto.

Es geht ganz schnell mit dem Monsieur Ganz. Die Fassade des gestandenen Geschäftsmannes, der die Dinge richtet, bröckelt schnell, weil innen auch schon alles verfallen ist. Die Telefonate mit seiner Frau Klara (Johanna ter Steege) gibt Victor alsbald auf; dabei hat er zu Anfang noch versichert, beim Auftritt seiner musikalischen Tochter – Schubert mit dräuendem Liedgut – unbedingt dabei sein zu wollen. Er verliert sich, in fehlgeleiteten Obsessionen: Er ist der ultimative Film noir-Antiheld, und mit zum großen Reiz von Gestern gehört, wie klug Regisseur Bálint Kenyeres die Noir-Atmosphäre, die Noir-Handlung, die Noir-Charaktere aus den nächtlichen, verregneten Straßen von LA ins sonnendurchflutete Marokko versetzt.

Ein spannender Thriller ist Gestern, der mal träge vor sich hinfließt, in dem’s dann plötzlich wieder abgeht, bis dann wiederum Victor in träge Lethargie verfällt, weil sich sein Ziel immer weiter zu entfernen scheint. So, wie eine vor den Esel gebundene Mohrrübe.

Hier (2018)

Der 50-jährige Victor Ganz besitzt ein florierendes, weltweit tätiges Bauunternehmen. Doch als ihn einige kostenintensive Baustellenprobleme dazu zwingen, nach Marokko zu gehen, wird er von Jugenderinnerungen eingeholt, die er längst begraben glaubte. Zwischen Besprechungen in Ministerien und Recherchen im lokalen Untergrund taucht eine auf mysteriöse Weise verschwundene Liebe wieder auf. Und Victor Ganz taucht ab – in eine labyrinthische Welt, in der sich Gegenwart und Vergangenheit vermischen.

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