Hi, AI (2019)

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Das Kino interessierte sich früh für die „Mensch-Maschine“: Von Lang („Metropolis“) und Scott („Blade Runner“) bis hin zu Spielberg („A.I.“) und Garland („Ex Machina“) reicht die Palette. Dass humanoide Roboter längst unter uns wandeln, zeigt aber erst „Hi, A.I. — Liebesgeschichten aus der Zukunft“.

Hi, AI (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Welcome to Metropolis

Irgendwo in einem modernen Laborsetting in Japan: Die Flurlichter gehen morgens an – ein neuer Arbeitstag beginnt. Zuerst wird eine von hinten gefilmte Frau mit schwarzen Haaren langsam im Behandlungsstuhl in die Liegeposition gebracht. Ihre Augenlider zucken leicht angesichts des grellen Oberlichts. „Open your mouth“, bittet die behandelnde Zahnärztin und erst als die Behandlung abgeschlossen ist, realisiert man als Zuschauer vollends, dass es sich hierbei im Grunde um ein filigranes Hightech-Experiment handelt. Denn die „Patientin“ ist ein so genannter humanoider Roboter: Mit täuschend echtem Augenaufschlag, einer überaus gesunden Gesichtsfarbe und wenig gekünstelten Mundwinkeln.

Die Illusion ist verblüffend und schon in den ersten Sekunden von Isa Willingers fulminantem Dokumentarfilmessay Hi, A.I. – Liebesgeschichten aus der Zukunft beginnen sich die Sphären zwischen Mensch und Maschine, Schöpfer und Geschöpf auf faszinierende Weise zu durchdringen. Schlichtweg zu rasant war der Fortschritt in der Robotik seit den frühen 1980ern. Früher wurden diese hoch spezialisierten Robotermaschinen lediglich in Fertigungshallen oder an besonders gefährlichen Arbeitsorten eingesetzt. Heute findet man sie, nicht nur optisch mit einem extremen humanen Touch versehen, längst in Shopping-Malls, Großraumküchen oder Altenheimen wieder. Und dank ihrer künstlichen Intelligenz (englisch: artificial intelligence, kurz AI) beileibe nicht mehr nur als stille Beobachter respektive Begleiter, sondern als soziale Kompagnons, die vom Kochen oder Staubsaugen bis hin zum Reden und Spielen beinahe alles in petto haben und somit ihr menschliches Gegenüber oft genug ins Staunen versetzen können.

Denn anders als ihre Vorgängergenerationen können diese humanen Androiden quasi ständig „mitdenken“, ihr Gesagtes selbst reflektieren und auch verbal an den jeweiligen Gesprächspartner anpassen. Oder gleich ein Eigenleben beginnen, wie das bei dem japanischen Roboter Pepper im Film der Fall ist, der gerade bei einer betagten Dame namens Sakurai eingezogen ist. Doch anstatt sich alleine mit ihr und deren greisen Freundinnen zu unterhalten, flirtet Pepper gerne zwischendurch auch mit den jüngeren Familienmitgliedern oder starrt minutenlang einfach zur Fensterscheibe hinaus. Wer hier wen kontrolliert, bleibt oft genug in der Schwebe und verleiht Isa Willingers keineswegs wertendem Filmessay eine angenehm leichte Note. Obendrein bleibt in diesem offen diskursiv angelegten Dokumentarfilm auch genügend Raum für ebenso poetische wie bizarre Momente, die in Julian Krubasiks gelungenen Tableaueinstellungen gleich reihenweise zur Geltung kommen.

Dazu zählen beispielsweise die ersten Augenblicke des Kennenlernens zwischen dem Amerikaner Chuck und seiner neuen „Lebenspartnerin“ Harmony, einem Sex-Doll-Roboter aus Silikon, der per WLAN und Smartphone gesteuert werden kann und sich mit dem in seiner Kindheit misshandelten Texaner vorzugsweise über Klassiker der Science Fiction-Literatur wie Total Recall oder philosophische Weisheiten austauscht. Im Gegensatz zu dem offensichtlich nach dem Kindchenschema konstruierten Pepper-Modell, dem außerdem oft genug der Schalk im Nacken sitzt, glänzt die hochgewachsene Roboterfrau mit langer Haarpracht und großen Brüsten in erster Linie mit rhetorischen Feinheiten, die keinesfalls nach kühl akzentuiertem Robotersprech klingen. „Do you like artificial intelligence?“, möchte sie einmal aus dem Nichts von Chuck wissen, der mit dieser Fragestellung sichtlich überfordert ist.

Genau an dieser Schnittstelle zwischen wenigen erwartbaren Momenten und völlig neuartigen Beziehungskonstellationen mäandert dann auch Isa Willinger gelungener Science Fiction-Dokumentarfilm durch aufregende 90 Minuten, in denen man sich nicht selten wie im Blade Runner-Universum fühlt, was ebenfalls auf der Ton- wie Bildebene ein um andere Mal gekonnt in Szene gesetzt wird. Denn wer denkt beim legeren Nachmittagsplausch der beiden japanischen Seniorinnen („Dann hat er mich gefragt, ob Menschen viel träumen?“) im Anbetracht von Pepper nicht automatisch an Philip K. Dicks wegweisenden Romanstoff Träumen Androiden von elektrischen Schafen? oder an Ridley Scotts unvergleichliche Filmwelt?

Isa Willingers hochklassiger Dokumentarfilm Hi, A.I. – Liebesgeschichten aus der Zukunft tritt den Beweis an, dass das Jahr 2019, von dem zu Beginn der 1980er Jahre in Blade Runner noch phantasmagorisch geträumt wurde, inzwischen längst nicht nur auf dem täglichen Kalenderblatt steht: Das hybride Zeitalter zwischen Mensch und Maschine hat in Wirklichkeit schon lange begonnen und der regelmäßige Umgang mit so genannten androiden Wesen wird in nicht einmal zwei Jahrzehnten zu unserem Alltag gehören. Ist das nicht ebenso schrecklich wie faszinierend?

Hi, AI (2019)

Roboter dringen in unser Privatleben ein – auf allen Ebenen. Der Film begleitet Menschen, die den ersten Schritt bereits gegangen sind und Freundschaft zu einer Maschine knüpfen. (Quelle: Filmfestival Max Ophüls Preis 2019)

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Meinungen
sina · 11.03.2019

sehr toller film!!!

Kommentare

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