Heute gehe ich allein nach Hause

Heute gehe ich allein nach Hause

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Liebe auf kurze Distanz

Für die erste große Liebe, die zögerlich, aufgeregt und unsicher zugleich, sowohl die größte Qual als auch die größte Freude darstellt, ist der Blick entscheidend. Scheu beobachten wir heimlich das Objekt unserer Begierde: Schaut es zurück? Mit wem redet es? Wirft es vielleicht jemand anderem eben jene Blicke zu, die wir aussenden?
Leo (Ghilherme Lobo) hat von all dem keine Ahnung. Nicht nur, weil er noch nie eine Freundin hatte und sehnlichst auf seinen ersten Kuss wartet, sondern vor allem weil Leo blind ist. Das Spiel mit dem Blick, das Flirten per Augenzwinkern sind ihm unmöglich. Nur mit der Hilfe seiner besten Freundin Giovana (Tess Amorim) kann er einen indirekten Blick auf seine Mitschüler werfen, wenn sie ihm von den Ereignissen und Techtelmechteln auf dem Schulhof erzählt. So hält Giovana auch nicht lange damit hinterm Berg, dass der neue Schüler, Gabriel (Fabio Audi), mit seinen schönen Locken die Aufmerksamkeit aller Mädchen auf sich zieht. Leo kann Gabriel nicht sehen und fühlt sich doch von ihm angezogen. Aber wie kann er mit ihm Kontakt aufnehmen?

Regisseur Daniel Ribeiro fängt die Interaktion der beiden Jungen auf berührende und oft sehr erotische Art und Weise ein. Als Blinder ist Leo in vielen Situationen auf Körperkontakt angewiesen, so dass er und Gabriel gleich zu Beginn ihrer Freundschaft einander sehr nahe kommen. Doch wann wird die hilfsbereite Geste zur erotischen Berührung? Die Übergänge sind fließend und für Leo ebenso schwer zu erkennen wir für uns. Paradoxerweise geht es in Heute gehe ich allein nach Hause weniger darum, wie Gabriel aussieht, sondern darum, wie er sich anfühlt.

Da er seinen Film stark auf die zentrale Figur ausrichtet, ermöglicht Daniel Ribeiro ein tiefes Verständnis für Leonardo. Als Sehende können wir seine Perspektive selbstredend nur bedingt einnehmen. Doch indem Ribeiro wiederholt auf die den Kino-Sehgewohnheiten entsprechenden Gegenschüsse verzichtet, kann er einen kleinen Eindruck vom Nicht-Sehen vermitteln. Dieses Stilmittel setzt er jedoch nur sehr vereinzelt ein. Hoje eu quero voltar sozinho ist größtenteils eine klassisch erzählte und gefilmte Coming-of-Age-Geschichte, in der es nicht nur um die erste große Liebe, sondern auch um die Emanzipation von den Eltern geht.

Der dritte thematische Pfeiler des Konzepts scheint Homosexualität zu sein. Schon zu Beginn des Films fällt die Betonung des männlichen Körpers auf. Immer wieder zeigt Ribeiro den nackten Oberkörper seines Helden. Der männliche Körper ist in diesem Film für die Kamera stets interessanter als der weibliche. Doch Heute gehe ich allein nach Hause ist kein Coming-out-Drama. Leo ringt nicht mit seiner Homosexualität. Es ist überraschend und bewundernswert mit welcher Gelassenheit und Natürlichkeit er den Gefühlen zu Gabriel begegnet. Die Problematisierung der gleichgeschlechtlichen Neigung entsteht außerhalb der Hauptfigur, durch Mobbing und schwulenfeindliche Witze der Mitschüler. Leo selbst verurteilt sich für seine Homosexualität zu keinem Zeitpunkt. Und da wir als Zuschauer den Film durch und mit ihm erleben, haben auch wir keinerlei Zweifel an der Richtigkeit seiner Gefühle. So gelingt es Daniel Ribeiro seine Geschichte homosexueller Liebe mit einer besonderen Selbstverständlichkeit zu erzählen, ohne die gesellschaftlichen Probleme zu verschweigen.

Homosexualität spielt zwar für die Handlung eine Rolle, gehört aber nicht zu deren zentralen Konflikten. Leo kämpft weniger mit seiner Sexualität als mit der Emanzipation von seinen Eltern. Er sehnt sich nach Freiheit und neuen Erfahrungen und droht in diesen Bestrebungen wie jeder Teenager über das Ziel hinauszuschießen. Eine weitere Baustelle seines Lebens stellt die Freundschaft zu Giovana dar, die durch das Auftauchen Gabriels auf eine harte Probe gestellt wird. Nicht nur, weil Giovana ebenfalls ein Auge auf den neuen Mitschüler geworfen hat, sondern vor allem, weil jener plötzlich zu einem Konkurrenten um ihren besten Freund wird.

Was auf den ersten Blick wie eine sehr spezielle Geschichte erscheint, nämlich die eines blinden, schwulen Jungen, entpuppt sich als überraschend allgemeingültige Erzählung über die Tücken des Erwachsenwerdens und der ersten großen Liebe, die ein breites Publikum berühren und mitreißen kann. Gleichzeitig jedoch wird der Film dadurch leider auch etwas austauschbar. Heute gehe ich allein nach Hause entlässt uns zwar mit positiven Gefühlen, bleibt aber auch nicht lange im Gedächtnis.

Heute gehe ich allein nach Hause

Für die erste große Liebe, die zögerlich, aufgeregt und unsicher zugleich, sowohl die größte Qual als auch die größte Freude darstellt, ist der Blick entscheidend. Scheu beobachten wir heimlich das Objekt unserer Begierde: Schaut es zurück? Mit wem redet es? Wirft es vielleicht jemand anderem eben jene Blicke zu, die wir aussenden?
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Meinungen
Joerg Adae · 17.08.2018

wenn man etwas sensibel und empfänglich für das Thema ist, bleibt dieser anrührend und ohne Krampf erzählte wunderschöne Film SEHR WOHL IM GEDÄCHTNIS !

AB · 26.02.2015

Ein wundervoller leichter, zarter, sehr anrührender Film. In dieser Leichtigkeit bleibt er mir sehr wohl im Gedächtnis!

Kommentare

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