Hetzjagd ohne Gnade

Hetzjagd ohne Gnade

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Spiel mit dem Glück

Sergio Martino ist ein typischer Regisseur der italienischen Filmindustrie vergangener Tage. In den 1970er Jahren begann er seine Karriere und drehte jeweils in den Genres, die gerade populär waren. Vom Giallo à la Der Killer von Wien (Lo strano vizio della Signora Wardh, Italien 1971) über Polizeifilme wie Die Killermafia (Lapolizia accusa: il servizio segreto uccide, Italien 1975) oder Sexkomödien nach dem Muster des seltsamen Lollipops und heiße Höschen (Spogliamoci così senza Pudor, Italien 1976) bis zum Endzeitreißer Fireflash – Der Tag nach dem Ende (2019 – Dopo la catuda die New York, Italien 1983) war alles dabei. In seinen besten Arbeiten schaffte es Martino, kompakte Geschichten mit eleganten Bildern zu veredeln. Es entstanden visuelle Erzählungen, die über die Oberfläche der offensichtlichen Handlung sichtbar hinausgehen.
Der Falschspieler Luc Altieri (Luc Merenda) taucht in einem versteckt liegenden, illegalen Kasino in Mailand auf und erbeutet dank seiner geschickten Finger eine hübsche Summe Geld. Der Boss des Etablissements (Enrico Maria Salerno), nur „Präsident“ genannt, hat Lucs Methoden aber durchschaut. Er lässt ihn durch seine Leibwächter abfangen, nimmt ihm das Geld wieder ab und engagiert Luc als professionellen Falschspieler für sein Kasino. Zehn Prozent des Gewinns darf der neue Mitarbeiter behalten, der Rest verbleibt beim Kasino. Die profitable Vereinbarung geht so lange gut, bis sich Luc in Maria Luisa (Dayle Haddon) verguckt. Die attraktive Frau ist dummerweise mit Corrado (Corrado Pani), dem Sohn des „Präsidenten“ liiert. Der betrachtet Maria Luisa als sein persönliches Eigentum und geht mit Gewalt gegen den unverhofften Konkurrenten vor. Die Auseinandersetzung nimmt zwanghafte Züge an.

Bei genauerer Betrachtung ist Hetzjagd ohne Gnade ein Film über Schwächlinge, die am Leben scheitern. Luc wirkt mit seinem breiten Grinsen, souveränen Auftreten und gekonnten Scharaden zwar wie ein Gewinner, aber im entscheidenden Moment seines Lebens gelingt es ihm nicht, die neurotische Risikosucht zu überwinden. Im selbst gewählten Exil mit Maria Luisa zieht es ihn wieder ins Kasino. Weil er im Ruhestand kein Glück findet, setzt er auch Ihres aufs Spiel.

Lucs Feind Corrado lotet die Untiefen der eigenen Psyche aber noch gründlicher aus. Mit Gewalt versucht er, Maria Luisa zu zähmen. Als er seinen Leibwächter Lisander (Franco Iavarone) dazu bringt, seine Noch-Geliebte fast zu vergewaltigen, spiegelt sich in Corrados Gesicht eine Mischung aus Machtwillen und schmerzhaft empfundener eigener Impotenz. Er ist ein Schwächling, der zu brutalen Mitteln greift, um das zu kaschieren. Dabei reitet er sich jedoch immer tiefer ins Verderben hinein.

Lediglich der „Präsident“ strahlt eine gewisse, gereifte Souveränität aus, weil er Emotionen, Strategie und Ziele in Einklang bringt. Aber körperlich kann er auf die Zuspitzung der Ereignisse nicht reagieren, weil er im Rollstuhl sitzt. Er muss auf der Hut sein und das birgt Risiken.

Martino entwickelt das Drama um diese Figuren wie einen Frontalcrash zweier Züge, dem man in Zeitlupe zusehen kann. Die Schwächen, Ziele und Verhaltensweisen liegen von Anfang an auf dem Tisch. Echte Überraschungen gibt es nicht, es bleibt lediglich offen, auf welche Weise die Beteiligten die sich vielfach bietenden Auswegchancen ausschlagen. Die Tragödie nimmt auf emotionale Weise ihren Lauf. Denn Luc verkörpert mit spitzbübischem Charme den Typus des naiven, aber sympathischen Hallodris. Und Maria Luisa würde man ohnehin wünschen, sie könnte dem Milieu endgültig entkommen.

Kameramann Giancarlo Ferrando verstärkt die melancholische Stimmung der einsamen Gestalten, deren Scheitern im Mittelpunkt steht. Die Lichter des nächtlichen Mailands mögen das entfernte Echo eines trügerischen Glamours sein, sie können den Hauch des Verderbens aber nicht wegwischen. Als Luc die weglaufende Maria Luisa auf seinem Motorrad in eine Parkgarage verfolgt, sorgt Ferrando mit gezieltem Licht für eine ästhetische Raumwirkung sich verlängernder Gassen. In der Weitläufigkeit spiegelt sich die Ungewissheit der Beiden wider, welchem Schicksal sie entgegen gehen. Über zwei Ausgänge aus dem Gebäude haben sie die Wahl der direkten Konfrontation mit den Schergen Corrados oder der Flucht. Sie vermeiden den Kampf und kommen sich danach näher. Visuell elegant und dramaturgisch perfekt spiegelt sich darin das Dilemma der Figuren wider. Die Bildsprache in Hetzjagd ohne Gnade gehört zu den besonderen Stärken des Films. Aus der schlichten Handlung wird so eine eindrucksvolle Tragödie, der man auch die etwas zu kitschigen Momente des scheinbaren Glücks nachsieht.

Für die DVD stand ein sehr schönes Master zur Verfügung, das eine gute bis sehr ordentliche Schärfe besitzt. Besser wird man Hetzjagd ohne Gnade wohl kaum zu sehen bekommen können. Auch die Farben sind kräftig und der ausgewogene Kontrast steht ganz im Dienste der sehenswerten Bildsprache des Films.

Beim deutschen Monoton kann man zwischen einer gefilterten und einer ungefilterten Variante wählen, wobei die ungefilterte natürlich mehr Hintergrundrauschen besitzt, die gefilterte aber etwas dumpfer klingt. Verständlich sind die Dialoge aber in beiden Fällen. Der italienische Ton präsentiert sich aufgeräumt und recht frisch.

Das Bonusmaterial besteht aus dem italienischen Trailer und einem 16-seitigen Booklet, in dem es um einige Motive des Films sowie das beteiligte Personal geht. Dabei fällt der wenig geglückte Versuch auf, besonders flockig zu formulieren. Mehr als einmal verheddert sich der Autor jedoch in gewollt spritzigen Satzkonstruktionen, sodass der Text teilweise schwer lesbar ist. Auch inhaltlich hätte dem Erguss eine Straffung gut getan.

Hetzjagd ohne Gnade

Sergio Martino ist ein typischer Regisseur der italienischen Filmindustrie vergangener Tage. In den 1970er Jahren begann er seine Karriere und drehte jeweils in den Genres, die gerade populär waren.
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