Herzen

Herzen

Eine Filmkritik von Katrin Knauth

Im Netz der Emotionen

François Truffaut bezeichnete Alain Resnais einmal als den professionellsten französischen Filmemacher und Künstler. Das war Mitte der 60er Jahre zur Hochzeit der Nouvelle Vague. Da hatte Resnais bereits Klassiker wie Hiroshima, mon amour (1959), Letztes Jahr in Marienbad (1961) und Muriel (1963) abgedreht. Auch 40 Jahre später versteht es der inzwischen fast 85-jährige Regisseur, immer noch großartige Filme zu inszenieren. Es sind Brüche und Annäherungen, die sich immer wieder in seinen Filmen finden. Damals und auch noch heute.
In seinem neuesten Werk Herzen/Cœurs beschäftigt sich Resnais mit dem Schicksal von sechs Menschen, deren Leben er vor uns wie einen japanischen Fächer aufblättert und uns gleichzeitig im Dunkeln tappen lässt. Da gibt es den alleinstehenden Immobilienmakler Thierry (André Dussollier), der für Nicole (Laura Morante) und ihren trunksüchtigen Mann Dan (Lambert Wilson) ein Apartment sucht, der im Büro mit seiner reizenden, aber reichlich zugeknöpften Kollegin Charlotte flirtet (Sabine Azéma) und mit seiner sehr viel jüngeren Schwester Gaëlle (Isabelle Carré) zusammen lebt. Und da gibt es noch Lionel (Pierre Arditi), den Barkeeper, der mit seinem sterbenskranken, cholerischen Vater wohnt. Gecastet hat Resnais sein eingespieltes „Ensemle“, mit dem er immer wieder zusammen arbeitet, dazu zählt auch seine Frau Sabine Azéma. Mit Laura Morante und Isabelle Carré arbeitet er zum ersten Mal. Alles bekannte und beliebte Gesichter des aktuellen französischen Kinos. Wenn man ihnen beim Spielen zusieht, dann fällt sofort auf, dass sie das Spielen nicht nur gut beherrschen, sondern dass auch Resnais in Sachen Schauspielerführung über beeindruckende Kompetenzen verfügt.

Dicht vernetzt sind die Leben der sechs Figuren. Gaëlle sucht nach einem Mann und lernt Dan kennen, der gerade getrennt von Nicole lebt. Dan trinkt in der Bar, in der Lionel arbeitet. Und Lionels neue Pflegerin seines Vaters ist Charlotte, die Kollegin von Thierry, der wiederum der Bruder von Gaëlle ist. Die Zusammenhänge zwischen den Figuren hat Resnais mit einem Spinnennetz verglichen: Die Spinne ist nicht da, sie ist fort, aber sobald sich ein Insekt bewegt, erzittert das Netz und ein anderes Insekt, das gar nichts damit zu tun hat, ist gefangen. Hätte Nicole ihren alkoholsüchtigen Dan nicht vor die Tür gesetzt, wäre er wohl nie in die Arme von Gaëlle gelaufen - ist nur ein Beispiel für die Verknüpfungen, aber so kann man den ganzen Film auftröseln und die Fäden zwischen den sechs Protagonisten verfolgen.

Der Film wirkt stellenweise sehr konstruiert, aber nur deshalb weil er so sein muss. Er spielt in Paris, aber nicht in dem Postkarten-Paris wie wir es aus vielen französischen Filmen kennen, sondern im Quartier Bercy, einem menschenleeren, kulissenhaften Paris, in seltsamer Atmosphäre und unwirklichen Licht. Nur am Anfang sieht man kurz den Eiffelturm und für den Rest verzieht sich der Film hauptsächlich in Innenräume, in Wohnungen, Restaurants, Bars, Büros.

Herzen/Cœurs ist eine Adaption des Theaterstücks Private Fears in Public Places von Alan Ayckbourn. Resnais hat die Geschichte von England nach Paris versetzt und alle Personen „französisiert“. Jean-Michel Ribes hat das Drehbuch geschrieben. Bevor Resnais angefangen hat, Regie zu führen, hat er als Cutter gearbeitet. Man merkt es dem Film an, wie wichtig Resnais die Montage ist. In 54 kurzen Sequenzen hat er den Film aufgeteilt, der über eine Zeitspanne von vier Tagen im Februar spielt. Zwischen den Sequenzen schneit es, jedes mal, mitten ins Bild, manchmal auch in die Innenräume hinein.

Die Brüche und das Offene sind Resnais’ Spezialität. Nehmen wir Charlotte, die tagsüber völlig bieder daher kommt und nach Feierabend mit verführerischen Kleidern Männer komplett den Kopf verdreht. Oder nehmen wir Thierry, der in einer Immobilienagentur arbeitet, halbtags, den Rest er Zeit verbringt er mit seiner Malerei, die ihm wirklich am Herzen liegt. Doch das erfahren und sehen wir nicht. Das wissen nur die Schauspieler. So ist Resnais immer vorgegangen. Er hat den Schauspielern zu ihrer Filmrolle etwas hinzugefügt, auf der Leinwand aber nicht gezeigt. So hat das Publikum seine Freiheit, kann selbst die Figuren für sich weiter entwickeln und seine Fantasie spielen lassen. Das Wunderbare daran ist, dass die Figuren einem ans Herz wachsen und es Spaß macht, sich ihre Biografien auszudenken. Herzen/Cœurs ist ein wunderbarer cineastischer Leckerbissen, für den Resnais letztes Jahr zu Recht den Silbernen Löwen für die Beste Regie in Venedig bekommen hat.

Herzen

François Truffaut bezeichnete Alain Resnais einmal als den professionellsten französischen Filmemacher und Künstler. Das war Mitte der 60er Jahre zur Hochzeit der Nouvelle Vague.
  • Trailer
  • Bilder
Meinungen
Frank Schneider · 27.04.2007

Ein intensiver Film, der berührt. Hatte mich in jedem einzelnen Charakter zumindest ein bißchen wiedergefunden! Vielleicht am ehesten für Leute, die bei sich hinschauen wollen und können.

Kathrin Grothe · 22.04.2007

Gibt man wohl einfach den Filmen, die man gar nicht versteht, Filmpreise - um dann besonders intellektuell zu wirken???
Entgegen einer Ankündigung, "Herzen" sei der!! Seelenbalsam, kann ich nur sagen: Langweilig, langwierig und seineswegs erfreulich. Einfach nicht sehenswert!

Oliver Bleickert · 22.04.2007

Einlassen in den Film, in die Menschen versetzen und dann der Parallelität des Alltags begegnen. Erschreckend wie man sich und andere darin wiederfindet. Ein leiser Film. Kraftvoll, intensiv, wer sich einlassen kann.

BertrandRussel · 12.04.2007

Es gibt deutlich bessere Resnais...

Kerstin · 30.03.2007

Nicht von schlechten Leserkritiken beeinflussen lassen, einfach reingehen und einen wunderbaren sensiblen schauspielerisch genial inszenierten Kinofilm ansehen, in dem Gott sei Dank die Spannung ausschließlich durch die Dialoge und nicht durch Action hervorgerufen wird! Alain Resnais ist sich treu geblieben, sehr sehenswert!!!

Marie · 27.03.2007

ich mußte rausgehen bei dem Film (kam in der Sneak Preview), weils mich so gelangweilt hat. In jeder Szene passiert quasi das gleiche. Dan geht z.b. 4-5 mal in dieselbe Bar und erzählt demselben Barmann von seinen (nicht vorhandenen) Problemen, seine Freundin guckt sich langweilige Wohnungen an und entscheidet sich, nachdem mit angewidertem Gesicht darüber geredet wurde - wie könnte es anders sein - dagegen.
Gaelle ist auf der Suche, aber langweilig und dröge. Thiery ist verklemmt und langweilig. Charlotte ist verklemmt, langweilig und religiös (mit einem ach-so-glockenhellen Lachen, wovon einem schlecht wird), vom Barkeeper kriegt man nicht soo viel mit, und sein Vater ist nur ne Zumutung - schön, alt und krank, deshalb muss man sich nicht ständig wohlformulierte Beleidigungen anhören. das nervt!
Ist eher wie ein Theaterstück konzipiert, die Dialoge wirken gestelzt, weil sich immer abgewechselt wird beim Sprechen. einer sagt seinen satz fertig, dann sagt der nächste seinen satz fertig. total hölzern und unnatürlich.
Fazit - ich weiss schon, warum ich französische Filme (meist) nicht mag!

Franz · 27.03.2007

Der Film ist so furchtbar schlecht dass er fast schon wieder gut ist.... aber wie gesagt, fast!! Er hat null Handlung, man sieht einfach nur aus sicht verschiedener Personen eine Zeitspanne aus ihrem Leben, mit sehr schlechter schauspielerischer Leistung und eintoeniger langweiliger Konversation!!!!!

· 27.03.2007

langweilig. es schneit die ganze Zeit

Münchnerin · 25.03.2007

Wunderbar!

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.