Herbert

Herbert

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Ring frei für die letzte Runde

Herbert (Peter Kurth) war einmal der Stolz von Leipzig. Meisterboxer, beinahe bei Olympia. Aber nur beinahe. Immerhin: Diese Vergangenheit prägt, ein Leben lang. Jetzt trainiert er einen jungen Boxer. Macht Security. Treibt auch sehr rüde für einen Kredithai Schulden ein – die Grenze zwischen legal und illegal ist nicht so relevant für ihn. Herbert von Thomas Stuber ist ein Film, der seiner Titelfigur ganz nahe kommt – über den ganzen Abhang hinweg, den sein Leben herunterzurutschen beginnt, als er erstmals unter der Dusche diese merkwürdigen Muskelkrämpfe verspürt.
Peter Kurth ist ein Name, den man sich merken muss – man muss das so sagen, denn das Gesicht kennen wir aus unzähligen Filmen, hier aber kommt der Schauspieler nach einer Aufwärmrunde in Die Kleinen und die Bösen erstmals voll und ganz zur Geltung. Von der krummen Nase über die massiven Muskeln bis zum bärenhaft lauernden Gang ist Peter Kurth Herbert. Punkt. Und er gibt sich ganz hin, mit allem, was er hat: Das ist nicht einfach, denn er muss spielen, wie Herbert alles verliert, was ihn ausgemacht hat. Die Muskeln; Kontrolle; Körper; Macht; Aura; das Leben. Herbert führt geradewegs abwärts.

Die Muskelkrämpfe sind keine Lappalie. Sie sind die ersten Anzeichen von ALS. Und da hilft kein Eimer Eiswasser, wenn erst sporadisch, dann chronisch die ersten Muskeln ausfallen, wenn das Gehen, das Sprechen schwerer fällt. Nach einem ersten Krankenhausaufenthalt geht Herbert am Krückstock. Boxtrainer – kann er vergessen. Inkasso – dafür hat er nicht mehr die bedrohliche Ausstrahlung. Security – ja wie denn! Die Tochter – die wollte ohnehin nie etwas mit ihm zu tun haben. Und Specht, seinen Freund aus alten Tagen, stößt er vor den Kopf – der große Traum, einmal den Highway 66 bis Santa Monica mit der Harley abzureisen, bleibt immer ungelebt. Es bleibt ihm nichts. Schon hat Herbert eine Rasierklinge an der Hand. Zu diesem Zeitpunkt dauert der Film gerade eine Dreiviertelstunde. Denn das Verschwinden des Herbert geht hier erst los.

Wir erleben mit, wie Herbert mit dieser Krankheit umgeht. Mit dem Verlust des Körpers, über den er sich sein Leben lang definiert hat. Mit dem Zwang, auf andere angewiesen zu sein, sich pflegen und bemuttern zu lassen. Mit der Erkenntnis, letztendlich alleine zu sein. Wobei diese Einsamkeit ein hausgemachtes Problem ist. Weil Herbert nie auf andere angewiesen sein wollte, weil er sich stets auf sich selbst verlassen wollte, musste, konnte, hat er nicht das beste Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Und verstößt auch die, die er liebt. Unbeholfen, was Mitmenschlichkeit angeht, versucht er, Beziehungen aufzunehmen, aufrechtzuerhalten – mit der Tochter und der Enkelin; mit der langjährigen On-Off-Geliebten –, doch weil er dies auf seine ureigene Herbert-Art macht, klappt es nur kurzfristig, vorübergehend.

Es ist dem Film wohl anzukreiden, dass er zu straight Herberts Weg in den Abgrund geht, in Handlung und Dramaturgie zu sehr ohne Zwischentöne inszeniert ist. Doch wir haben ja Peter Kurth. Der herausragend spielt, von der massigen Körperlichkeit bis zum Verfall – gegen Ende sieht er aus wie eine Schildkröte. Und: Herbert ist mit großem, sinnlichem Bewusstsein der Möglichkeiten von filmischen Bildern gedreht. Was Kamera, Beleuchtung, Ausstattung angeht, kann sich so mancher deutsche Großfilm eine Scheibe abschneiden. Ganz großes Kino, das einen packt: Weil das Miterleben des schwindenden Körpers unmittelbar physisch affektiert.

Herbert

Herbert (Peter Kurth) war einmal der Stolz von Leipzig. Meisterboxer, beinahe bei Olympia. Aber nur beinahe. Immerhin: Diese Vergangenheit prägt, ein Leben lang. Jetzt trainiert er einen jungen Boxer. Macht Security. Treibt auch sehr rüde für einen Kredithai Schulden ein – die Grenze zwischen legal und illegal ist nicht so relevant für ihn.
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Meinungen
Hans · 19.03.2016

... weil man ab und zu auch mal was Ehrliches braucht ...

Kommentare

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