Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019)

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Thomas Heise dreht seit Ende der 1970er-Jahre Dokumentarfilme. Mit „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ legt er nun sein Opus Magnum vor. Ein Mammutfilm, der die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in einer Familiengeschichte spiegelt.

Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Kein deutsches Märchen

„Vor Filmen über Familienangehörige warne ich, wenn es erste Arbeiten sind“, antwortete Thomas Heise einmal auf eine Frage bezüglich seiner Lehrinhalte. Nun hat der 1955 in Ost-Berlin geborene Dokumentarfilmer, der von 2007 bis 2013 an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrte und dies seitdem an der Akademie für bildende Künste in Wien tut, selbst einen Film über seine Familie gestemmt. Davor liegen viele Werke über Unbekanntes und Fremdes, um eben jene Distanz zwischen sich und die eigenen Vorfahren zu legen, die Heise für ratsam hält. Jeder Geschichtsvergessene wäre indes gut beraten, sich diese monumentale Familienchronik anzusehen.

Der Prolog dazu beginnt in einem Märchenwald und in Farbe. Dann, noch vor dem ersten der fünf Kapitel, die mit laufender Spieldauer immer kürzer werden, ist ein Schwarz-Weiß-Foto eines kleinen Jungen, vermutlich Heise selbst, zu sehen, der eine Fahne schwenkt. Nein, Heises neuer Film ist kein Märchen, weder eines der Gebrüder Grimm noch ein Sommer- oder Wintermärchen, zu denen Sportveranstaltungen im nationalen Taumel allzu schnell hochgedichtet werden. Heimat ist ein Raum aus Zeit ist das Gegenteil: Ein mehrfach gebrochener Familienroman, in dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt – und dadurch eine Absage an all die Märchenerzähler, die am Beispiel ihrer eigenen Familiengeschichte die deutsche so gern verklären.

Trotz seiner schieren Größe kommt dieses Mammutwerk geradezu leichtfüßig daher. Dreieinhalb Stunden Briefe, Tagebucheinträge, Entwürfe von Memoiren, Notizen, et cetera - von Heise selbst aus dem Off vorgetragen - vergehen wie im Flug. Mit den Bildern und Worten ist auch die Zeit im Fluss. Bei Heise beginnt sie 1912, mit einem Schulaufsatz seines Großvaters Wilhelm, der sich aus einfachen Verhältnissen bis zum Lehrer emporarbeitete und wegen der Ehe mit einer Jüdin, Heises aus Wien stammender Großmutter Edith, mit nur 40 Jahren zwangspensioniert wurde. Und sie endet 2013 mit Heise selbst, der sich nicht schlüssig ist, was er mit seinem eigenen Film anfangen soll. Dazwischen: Heises Eltern Wolfgang, ein Philosophieprofessor, und Rosemarie, eine Romanistin, die Korrespondenzen mit Christa Wolff, Heiner Müller und Wolf Biermann pflegten; Heises Bruder Andreas sowie der Regisseur selbst.

Heises Entscheidung, bis auf wenige Ausnahmen auf Archivmaterial zu verzichten, ist ein Glücksgriff. Statt das Vorgetragene mit Familienfotos, privaten Filmaufnahmen oder typischen Zeitdokumenten auf der Bildebene lediglich zu (ver)doppeln, schreiten Heises Kameramänner die so nicht mehr existenten Orte in der Gegenwart ab. Ein Großteil des Materials stammt vom Berliner Ostkreuz, das der Regisseur 2009 für das Fernsehprojekt 24 h Berlin – Ein Tag im Leben ins Bild rückte. Beim Betrachten stellt sich so zwangsläufig die Frage nach dem Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, ob wir etwas aus der Geschichte lernen und wenn ja, was. Und immer wieder: Gleise, Personen- und Güterzüge. Das Leben – ein Rangierbahnhof, ein stetes Vorwärtsbewegen in der Zeit. Das ist das eine.

Das andere ist das maschinelle Vernichten, mit dem Gleise und Züge in der deutschen Geschichte unausweichlich verknüpft sind. Eine der wenigen Ausnahmen, bei denen Heise Archivmaterial nutzt, sind Transportlisten für Deportationen. Während der Regisseur die Korrespondenzen seiner Großmutter mit ihrer Wiener Verwandtschaft vorliest - meist gefasst, mal mit gebrochener Stimme — spult sich die gesamte Barbarei des Nazi-Regimes vor den Augen des Publikums ab. Auf der Leinwand sind nur Namen zu sehen und doch wissen wir, welches Schicksal sich dahinter verbirgt. Vor allem aber wissen wir, dass diese Namen nicht nur willkürliche Buchstabenkombinationen waren, sondern leibhaftige Menschen, die wie die Protagonist*innen dieses Films liebten und lebten, Fehler machten und dazulernten, aufbegehrten und sich anpassten, viel Kluges dachten und niederschrieben.

Heise gibt stets nur so viel preis wie nötig. So offenbart er erst im letzten Kapitel, dass seine Mutter, bevor sie und ihr Mann von der Stasi bespitzelt wurden, selbst Kolleg*innen aushorchte. Und auch ganz am Ende dieses Zeitflusses eine Schleife: Heiner Müllers am 25. September 1992 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichter Essay Die Küste der Barbaren, der bezüglich der wiedererstarkten politischen Rechten und eines Versagens der Flüchtlingspolitik kaum aktueller sein könnte. Müller war ein Störer, der diese (scheinbaren) Kontinuitäten unterbrechen wollte. Heises Film glückt das ebenso.

Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019)

Der Film folgt den biografischen Spuren einer zerrissenen Familie über das 20. Jahrhundert hin. Menschen, die einst zufällig zueinander fanden, dann zerrissen wurden. Deren verbliebene Kinder, Enkel jetzt verschwinden. Es geht um Sprechen und Schweigen. Väter Söhne Brüder Mütter. Verletzung und Glück. Erzählt vor dem Hintergrund gegenwärtigen Geschehens an zentralen Knotenpunkten zweier Städte: Wien und Berlin, die Bahnhöfe Praterstern und Ostkreuz. Zeiten, die einander durchwuchern. Eine Collage aus Bildern, Tönen, Dokumenten, Geräuschen, Stimmen, Fragmenten. 

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