Heavy Trip (2018)

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Publikumspreis beim Fantasy Filmfest: Eine finnische Metal-Band, die krasse Musik spielt. Aber ansonsten wenig auf die Reihe bringt. Bis das Festival in Norwegen ruft – dann geht’s auf den "Heavy Trip". Man sollte darauf achten, dass der Lautstärkeregler im Kino oder im Heimsystem auf "11" steht.

Heavy Trip (2018)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Rentierschmelzend

Sie spielen symphonischen, postapokalyptischen, gotteslästerlichen, rentierzermürbenden, extrem verwerflichen fennoskandinavischen Metal – allerdings erst seit kurzem. Vorher waren sie ein paar Kumpels, die sich im Keller zum Krachmachen getroffen haben. Die laute Metal-Coverversionen hinlegten, aber nix Eigenes im Repertoire hatten.

Bis zu diesem Moment der Inspiration: Als im Rentierschlachthof die Rentierhüfte in der Schlachtstückeverkleinerungsmaschine hängenblieb und so einen reibenden, kreischenden Laut von sich gab, als seien es die Seelen von Hunderten von Rentieren, die auf dem Weg zur Hölle vor Schmerzen schrieen… Sie haben ein Riff, wie es noch nie eines gab. Und einen Song, auf den sie stolz sein können. Und als dann auch noch Frank auftaucht, vom norwegischen Northern-Damnation-Festival, da haben sie auch endlich einen Gig. Wahrscheinlich. Jedenfalls sind sie bereit für ihren Heavy Trip.

Soziologisch müsste man mal der Sache nachgehen: Warum ausgerechnet in Skandinavien der düsterste, wüsteste, krasseste Metal der Welt gespielt wird. Das geht wirklich schlimmstmöglich ab dort: Gespielt von den schwedischen Bullerbü-Nachfahren, von den finnischen Stoikern, von den norwegischen Stockfischbetrachtern. Mit Gitarre, Bass und Schlagzeug hauen sie höllisch rein, gerade in den Ländern, wo allezeit und überall Friede, Freude und Eierkuchen herrschen. Wahrscheinlich müssen die Jungs aus der allgegenwärtigen Freund- und Freiheitlichkeit raus und mitten rein in den lautesten Individualismus, den es geben kann. Wo jeder jeden duzt und "Hej" der freundliche Gruß ist, muss als Gegengewicht in der Musik Satan herrschen.

Bei Turo, dem Sänger, Pasi, dem Bassisten, Lotvonen, dem Gitarristen, und Jynkky, dem Schlagzeuger, ist es ganz einfach so, dass sie sich seit der Schulzeit kennen. Und nichts anderes zu tun haben in dem Kaff. Und dass sich daran gewöhnt haben, wegen ihrer langen Haare als Schwuchteln verspottet zu werden, oder dass die Polizei sie als Klebstoffschnüffler auf dem Kieker hat. Seit zwölf Jahren haben sie ihre Band. Auftritte haben sie nicht. Und noch nicht mal einen Bandnamen. Aber dafür so was wie Zusammengehörigkeit. Und eine gemeinsame Aussichtslosigkeit in der finnischen Provinz. Turo ist Pfleger im Alten-Schrägstrich-Irrenheim, Pasi, der Proto-Autist, arbeitet in der Dorfbibliothek und gibt statt Justin-Bieber-CDs Grindcore aus Uruguay raus. Im Rentierschlachthof wird geübt. Für nichts, erstmal. Bis sich alles ändert mit der vagen Aussicht auf das Festival.

Plötzlich sind die vier wer. Es geht nach Norwegen! Weiter als über die Landkreisgrenze ist sonst ja eigentlich noch keiner gekommen. Der Bürgermeister freut sich, und der örtliche Musikentertainer muss sich auch freuen, schon allein, weil das Blumenmädchen sich freut. Die will er rumkriegen, jedoch ist sie in Turo verknallt, und er in sie, aber diese kleine Romanze ist eigentlich dermaßen unwichtig im Film, dass ab der Hälfte die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren ziemlich viel über den Haufen werfen und einen unglaublichen Irrsinn auf die Leinwand bringen.

Das gute alte Genre der Finde-dich-selbst-Wohlfühl-Komödie – darin sind die skandinavischen Filmemacher Meister. Hier aber wird das Ganze in heftigstem Metal getränkt – und alsbald völlig über Bord geworfen, wenn geradezu existentieller Blödsinn in die Waagschale geworfen wird. Wenn die Delta-Force des Grenzschutzes eingreift, wenn eine Junggesellenabschiedsrunde, Motto: Jesus, heran rollt, wenn ein Elbe unter lauter Wikingern auftaucht: Wenn's richtig abdreht, macht's richtig Laune.

Heavy Trip (2018)

Eine völlig unbekannte Heavy Metal Band aus dem tiefsten Norden Finnlands mit dem Namen Impaled Rectum probt seit 12 Jahren, ohne jemals einen einzigen Gig gehabt zu haben. Dann ergibt sich eines Tages die Chance ihres Lebens, doch für den ersten Auftritt bei einem der besten Metal-Festivals in Norwegen muss der Leadsänger Turo erst seine Ängste überwinden.

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