Heaven´s Story

Heaven´s Story

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Dem Himmel so nah

Nach diesem Film will man erst einmal nur erzählen. Die Masse an Eindrücken und Geschichten mit möglichst vielen Leuten teilen. Man will von dem achtjährigen Mädchen Ogawa Sato (Honda Kana) erzählen, das ihre Eltern und Geschwister durch einen Mord verloren hat und nun ihrem Großvater einfach davon läuft, weil es nicht mehr leben will. Vom Schlosser Tomoki (Hasegawa Tomoharu), dessen Frau und Kind vom psychisch gestörten Teenager Mitsuo (Oshinari Shugo) ermordet werden. Auch von Mitsuo, der im Gefängnis von einer einsamen Frau adoptiert wird. Oder vom alleinerziehenden Polizisten Kaijima (Murakami Jun), der sich als Auftragskiller verdingt, um seinem Sohn alles Nötige kaufen zu können. Und vor allem will man davon berichten, wie es der japanische Regisseur Takahisa Zeze geschafft hat, all das in einen einzigen Film zu packen und mit Heaven‘s Story ein eindrückliches Beispiel filmischer Erzählkunst zu präsentieren.
Zeze erzählt die Geschichte von zwölf Protagonisten. Sie erstreckt sich über einen Zeitraum von neun Jahren und dauert ganze viereinhalb Stunden. Alle Figuren sind hier mehr oder weniger durch Mord, Gewalt und Verlust miteinander verbunden. Dem Regisseur, der sich zuvor eher mit kleinen Erotikfilmen und Softpornos (den sogenannten Pinku eiga) einen Namen gemacht hat, gelingt der riskante Versuch eine in ihren narrativen Ausmaßen monumentale Gewaltparabel auf die Leinwand zu bringen, ohne sich dabei den gewohnten Erzählkonventionen zu unterwerfen. Denn Heaven’s Story gelingt etwas, das bei bekannten Episodenfilmen wie Alejandro Gonzales Inaritus Babel und Amores Perros oder Paul Haggis‘ L.A. Crash nur selten — wenn überhaupt — funktioniert. Zeze lässt sich einfach Zeit. Das klingt banal, erzielt hier aber eine enorme Wirkung.

Schließlich ist ein wesentlicher Problempunkt des multiperspektivischen Erzählens die Tatsache, dass das Drehbuch möglichst glaubhaft die Verstrickungen seiner Protagonisten in 90 oder 120 Minuten erzählen muss. Das führt oft dazu, dass es Momente gibt, an denen sich ganz schicksalhaft alle Figuren irgendwo in der Filmwelt begegnen müssen. Das bezahlen die oben genannten Filme oft mit einem herben Glaubwürdigkeitsverlust. Takahisa Zeze jedoch umgeht dies, indem er jedem seiner Charaktere genug Freiraum und Zeit gibt, sich als vollwertiges Handlungssubjekt zu etablieren.

Er erzählt ihre Geschichten zunächst komplett losgelöst von möglichen Verbindungen zu den anderen Figuren. Dazu gliedert er den Film chronologisch und in klar strukturierte Episoden, die mitunter unglaublich poetische Titel tragen wie „Ein Boot, ein Fahrrad und Zikadenhaut“, „Kirschblüten und Schneemann“ oder „Fallende Blätter und Puppen“. Erst langsam kreuzen sich die Wege der Figuren. Eine Szene, die wir vor einer Stunde sahen, spielt sich später im Hintergrund ab. Das alles geschieht ruhig und souverän, so dass man das Gefühl bekommt, einen komplexen Roman zu lesen.

Vorsichtig werden die fatalen Schicksalsgemeinschaften sichtbar, die den Film zu seinem unvermeidlichen Finale treiben. In spröden HD-Bildern werden Motive und Themen äußerst filigran ausgearbeitet und Konflikte nie einem billigen Effekt geopfert. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass hier Mörder, Auftragskiller aber auch die Hinterbliebenen dreier Morde gleichberechtigt nebeneinander stehen. Heaven’s Story will gewichtige Fragen aufwerfen. Kann man einem Mörder vergeben, der die ganze Familie ausgelöscht hat? Ist Rache die richtige Lösung? Welchen Preis hat beides? Zeze, der auch das Drehbuch verfasste, macht es sich nicht leicht, liefert keine Antworten und verbietet sich vorschnelle Wertungen und moralinsaure Urteile. Mord bleibt Mord. Doch das Leben geht weiter. Es geht nicht anders. Menschen ändern sich oder auch nicht, manche versuchen es, andere nicht. Den ganzen Film durchfließt eine Art Weisheit und zenhafte Ruhe, die durch eigentümliche japanische Puppenspiele flankiert werden.

Heaven’s Story ist also — wie es der englische Titel vermuten lässt — eine Geschichte des Himmels (oder eine, die vom Himmel aus erzählt wird). Alle Figuren gucken irgendwann nach oben, als würden sie dort etwas suchen. Aber was? Ist es Erlösung? Ist es Frieden? Ist es Vergebung?

Am Ende löst sich das Werk fast vollständig auf. Die mittlerweile erwachsene Ogawa Sato, der Schlosser Tomoki, der Mörder Mitsuo — sie und alle anderen versammeln sich zu einem durch und durch metaphysischen Finale, das alles in ein warmes, helles und versöhnliches Licht taucht.

Trotz seiner narrativen Opulenz bleibt der Eindruck eines stillen und introvertierten Films, der poetisch schöne Bilder der Einsamkeit findet und damit einvernehmend von der heilsamen Kraft der individuellen Trauer erzählt.

Heaven´s Story

Nach diesem Film will man erst einmal nur erzählen. Die Masse an Eindrücken und Geschichten mit möglichst vielen Leuten teilen. Man will von dem achtjährigen Mädchen Ogawa Sato (Honda Kana) erzählen, das ihre Eltern und Geschwister durch einen Mord verloren hat und nun ihrem Großvater einfach davon läuft, weil es nicht mehr leben will.
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Meinungen
Modernes Japan · 26.02.2011

Ein Film, für den es sich lohnt, so lange im Kino auszuharren!

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