Harry & Tonto - 2 Freunde fürs Leben

Harry & Tonto - 2 Freunde fürs Leben

Eine Filmkritik von Falk Straub

On the Road

Einer der ersten großen Erfolge des New Hollywood war ein Roadmovie, einer seiner schönsten Filme war ebenfalls eins. Doch während Easy Rider 1969 trotz seines desillusionierenden Endes den Geist der Freiheit heraufbeschwor, stimmte Paul Mazursky fünf Jahre später in Harry und Tonto bereits einen ersten Abgesang auf diese kurze, künstlerisch bedeutende Ära des amerikanischen Films und auf den amerikanischen Traum an.
Es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Wer sagt denn, dass die Freiheit der Straße, wie wir sie aus der amerikanischen Literatur von Twain bis Kerouac, aber vor allem aus den Filmen dieser Nation kennen, nur der Jugend vorbehalten sei? Harry Coombes (Art Carney) ist so einer, der in hohem Alter auszieht, um Amerika zu suchen und am Ende bei sich selbst ankommt. Paul Mazursky schickt ihn los, in einem Roadmovie wie ein Simon & Garfunkel-Song.

Der Anlass für Harrys Aufbruch ist wie so häufig bei Regisseur und Drehbuchautor Mazursky ein existenzieller. Der rüstige Rentner muss aus seiner New Yorker Wohnung, die einem Neubau weicht. Großstädter kennen das. Was heute Gentrifizierung heißt, gab es vor vier Jahrzehnten auch schon. Doch bei der Familie seines Sohns Burt (Philip Bruns) in einem viel zu engen Vorortdomizil fällt Harry die Decke auf den Kopf. Also beschließt er, erst seine Tochter Shirley (Ellen Burstyn) in Chicago und im Anschluss seinen Sohn Eddie (Larry Hagman) in Los Angeles zu besuchen. Westlicher als Illinois ist der grantige Ostküstler bislang nie gekommen. Das Neuland betritt er stets mit einem ganz besonderen Begleiter: seiner Katze Tonto, die er an einer Leine führt.

Harry und Tonto ist ein wunderschönes Stück New Hollywood – herrlich fotografiert, melancholisch erzählt und präzise beobachtet –, selbst wenn der 2014 verstorbene Paul Mazursky kein typischer Vertreter dieser kurzen Ära war. 1930 geboren, war er wie die noch älteren Arthur Penn, John Schlesinger, Robert Altman oder Sam Peckinpah der Riege der movie buffs um Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Brian De Palma und Co. einige Jahre voraus. Im Gegensatz zu seinen jüngeren Kollegen besuchte Mazursky auch keine Universität, sondern arbeitete sich innerhalb des Systems zunächst als Schauspieler und Autor für Film und Fernsehen nach oben.

In seinen Komödien von Ein Haar in der Suppe (1976) und Eine entheiratete Frau (1978) über Moskau in New York (1984) und Zoff in Beverly Hills (1986) bis hin zu Ein ganz normaler Hochzeitstag (1991) bewies Mazursky stets ein Herz für den kleinen Mann und ein feines Gespür für die Auswüchse und Abgründe der modernen Wohlstandsgesellschaft. In Harry und Tonto beschleicht einen mehr als einmal das Gefühl, als ahnte Mazursky die Reaganomics der 1980er Jahre bereits voraus.

Harry nimmt seinen sozialen Abstieg mit Trotz, Entschlossenheit, Humor und Würde an. Für sein subtiles, aber nachdrückliches Spiel erhielt Art Carney den Oscar. Eine Liste der Nominierten lässt einen ins Schwärmen geraten. Neben Carney standen Albert Finney für Mord im Orient-Express, Dustin Hoffman für Lenny, Jack Nicholson für Chinatown und Al Pacino für Der Pate 2. New Hollywood auf seinem Höhepunkt. Auf seiner Reise, die in die Vergangenheit führt und an deren Ende die Zukunft steht, begegnet Harry reichlich skurrilen Gestalten, die alle auf ihre eigentümliche Weise eine Facette der Vereinigten Staaten bilden. Während all die Widersprüche dieses Lands der unbegrenzten Möglichkeiten die jungen Rebellen in Easy Rider am Ende das Leben kostet, kostet der resolute Harry das Ende seines Lebens noch einmal aus.

Harry & Tonto - 2 Freunde fürs Leben

Einer der ersten großen Erfolge des New Hollywood war ein Roadmovie, einer seiner schönsten Filme war ebenfalls eins. Doch während „Easy Rider“ 1969 trotz seines desillusionierenden Endes den Geist der Freiheit heraufbeschwor, stimmte Paul Mazursky fünf Jahre später in „Harry und Tonto“ bereits einen ersten Abgesang auf diese kurze, künstlerisch bedeutende Ära des amerikanischen Films und auf den amerikanischen Traum an.
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