Harmony Lessons

Harmony Lessons

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Tableaus der Unterdrückung

Bislang ist Kasachstan eher ein weißer Fleck auf der Landkarte des Weltkinos. Mit Emir Baigazins Harmony Lessons könnte sich das aber ändern. Der Film beeindruckt durch durch eine überragende Kameraarbeit, lakonischen Humor und eine sensible Charakterzeichnung und ist einer der stärksten Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs.
Aslan (Timur Aidabekov) ist ein stiller Junge von 13 Jahren, ein wenig schmächtig, mit brillantem Kopf, aber ohne die Extrovertiertheit und Aggressivität seiner Altersgenossen in der Schule. Die wird beherrscht von einem rigiden Zwangssystem, bei dem die jüngeren Schüler an die älteren Schutzgeld zahlen müssen, sonst setzt es Prügel. In Aslans Jahrgangsstufe ist es Bolat (Aslan Anarbayev), der das Sagen hat und der es insbesondere auf den Streber abgesehen hat. Und weil die anderen Jungs auf ihn hören, ist Aslan völlig abgeschnitten und isoliert. Bis der großgewachsene Mirsayin (Mukhtar Andassov) an die Schule kommt — mit ihm an seiner Seite scheint es plötzlich möglich, sich gegen den Rüpel zu wehren. Als sich diese Hoffnung als Illusion erweist, beschließt Aslan zu anderen Mitteln zu greifen — schließlich versteht er sich auf das kunstvolle Töten von Fischen und Kakerlaken und ist zudem ein Ass in Physik.

Schon zu Beginn sind es die eindrucksvollen Bildfindungen der ruhigen, weitgehend unbewegten Kamera, die den Zuschauer aufmerken lassen. Da wird Wichtiges kurzerhand in den Raum jenseits der Kamera verlegt oder Ausschnitte gewählt, deren Funktion sich erst nach einiger Zeit offenbaren. Auf diese Weise etabliert Baigazin Tableaus, die etwas von der Erstarrung seiner Hauptperson spürbar werden lassen; seine Angst, sein an-den-Rand-Gedrängtsein, seine Isolation innerhalb des brutalen Mikrokosmos Schule werden sichtbar, ohne groß erklärt werden zu müssen.

Und dennoch ist Aslan, dieser stille Junge nie nur ein Opfer, sondern von Anfang auch jemand, dem man es zutraut, dass er sich irgendwann zu wehren beginnt. Die Entschlossenheit, mit der er zu Beginn ein Schaf jagt und es anschließend tötet und ausweidet, die phantasievollen Tötungsarten, die er an den allgegenwärtigen Kakerlaken ausprobiert, lassen erahnen, dass er irgendwann zurückschlagen wird. Obwohl in der Schule von den überforderten und nichtsahnenden Lehrern in einer Schulstunden Mahatma Gandhi als Held des gewaltlosen Widerstandes gepriesen wird, zeigt eine weitere Unterrichtseinheit, wie es in Wirklichkeit um Aslans Welt bestellt ist: Als im Biologieunterricht das Gespräch auf Charles Darwin kommt, wird klar, dass das Überleben des Stärkeren nicht nur im Tierreich stattfindet, sondern selbst an einem vermeintlichen friedlichen Ort wie einer ganz normalen Schule.

Auch wenn Baigazin in Harmony Lessons nicht nur den Mikrokosmos Schule, sondern auch andere Teile der kasachischen Gesellschaft als gewalttätig schildert — die Art und Weise, wie die Polizisten die Schüler foltern, um von ihnen ein Geständnis zu erpressen, spricht Bände — könnte der Film in beinahe jedem Land der Welt spielen. Dass Harmony Lessons dies ahnen lässt und gleichzeitig bezeichnende Bilder für das spezifische Milieu seiner Geschichte findet, dass zwischen Alsans Welt das Allgemeingültige seiner Situation hindurchschimmert, macht ihn zu einem überaus beeindruckenden Werk, das man nicht so schnell vergessen kann.

Harmony Lessons

Bislang ist Kasachstan eher ein weißer Fleck auf der Landkarte des Weltkinos. Mit Emir Baigazins Harmony Lessons könnte sich das aber ändern. Der Film beeindruckt durch durch eine überragende Kameraarbeit, lakonischen Humor und eine sensible Charakterzeichnung und ist einer der stärksten Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs.
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