Hans Dampf

Hans Dampf

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Glück ist eine Frage der Einstellung

Märchenverfilmungen sind ja gerade „in“: Schneewittchen mit Schwert oder doch lieber knallbunt, eine Splatter-Version von Hänsel und Gretel — für jeden ist etwas dabei. Inmitten dieser US-amerikanischen Märchenmodernisierungen – oder Vergewaltigungen, das ist Ansichtssache – kommt Hans Dampf gänzlich unprätentiös daher. Ja, wenn der Zuschauer es sich vorher nicht angelesen hat, mag es gar eine gute halbe Stunde dauern, bis er hinter dieser Low Budget Produktion von Jukka Schmidt und Christian Mrasek das Märchen von Hans im Glück entdeckt.
Hans, wie der Held der Geschichte natürlich heißt, hat sich gerade mit einer großen Abfindungssumme von seinem Job verabschiedet, entledigt sich aller Verpflichtungen und reist mit einer neuen Bekanntschaft und deren Bully gen Süden. In Italien, so glaubt er, wird er die lang ersehnte Freiheit finden. Auf seinem Weg lässt er sich von keinem Tiefschlag unterkriegen. Nicht als seine Reisebegleitung Rose an der ersten Station aussteigt, um sich einem anderen Mann anzuschließen, nicht als der VW-Bus seinen Geist aufgibt. Gut gelaunt tauscht Hans den Bus gegen einen klapprigen Dreirad-Laster, später gegen ein Schlauchboot, und immer so weiter. Den Regeln des Märchens treu bleibend, merkt Hans selbst nicht, dass er bei diesen Tauschhandeln stets übers Ohr gehauen wird. Doch gute Laune alleine reicht nicht aus, um voranzukommen.

Es ist nicht einfach, sich in den Stil von Hans Dampf hineinzufinden. Das Schauspiel ist so hölzern, dass wir nicht umhin können, über die Absicht zu grübeln. Soll das so sein? Insbesondere Cécile Marmier als Rose leiert ihren Text zuweilen so fehlbetont herunter, dass wir nicht recht glauben können, was wir da sehen bzw. hören, und froh sind, dass sie und die mit ihr verbundene Irritation sich so schnell aus dem Film verabschieden. Auch Hauptdarsteller Fabian Backhaus ist gewöhnungsbedürftig. Doch was zu Beginn seltsam privat wirkt, als würde hier ein Laiendarsteller in seinem Alltag gefilmt, entwickelt im Laufe des Films mehr und mehr Charme, bis wir am Ende traurig sind, uns von dieser liebgewonnenen Figur trennen zu müssen.

Die Musik tut ihr Übriges, der Geschichte Atmosphäre zu verleihen und zu zeigen, dass es sich eben doch um mehr als nur das Privatexperiment zweier Amateurfilmer handelt. Mal unterstützen die Lieder die Szenerie, mal brechen sie die Stimmung, mal erzeugen sie eine kommentierende Metaebene. An zwei Stellen wird die Filmhandlung durch ein musikalisches Intermezzo unterbrochen, das sich durch die schlechte Synchronisation der Lippen mit den Liedtexten jedoch selbst sofort als ironisches Element enttarnt.

Die Tendenz des Films, sich trotz aller Ironie unfassbar ernst zu nehmen, stellt für den Zuschauer in jedem Fall eine Hürde dar, die er erst einmal nehmen muss, bevor er sich von der Geschichte unterhalten fühlen kann. Dann aber stört es auch nicht mehr, dass am Lagerfeuer Plüschvögel gegrillt werden. Unklar bleibt, warum die Regisseure Jukka Schmidt und Christian Mrasek Trash-Elemente dieser Art umgehend brechen. So beschwert sich in erwähnter Szene Hans’ Wegbegleiter Django (Mario Mentrup) über den Chemiegestank des kokelnden Spielzeugs. Hans Dampf scheint sich mit allen Mitteln dagegen zu wehren, eine kohärente Illusion zu erzeugen und steht in jeder Sekunde zu seiner Künstlichkeit ebenso wie seiner finanziell bedingten Amateuraura. Es ist fast, als würden die Filmemacher das Motto ihres Films auch durch ihren Stil transportieren: Weniger ist mehr. Dabei gehen Schmidt und Mrasek äußert geschickt vor und verzichten lieber auf komplizierte Szenen, als durch haarsträubende Inszenierungen am Ende doch in der Trash-Ecke zu landen. So bleibt, man mag es kaum glauben, der Film trotz all seiner Absurditäten in gewisser Weise glaubhaft.

Der Spaß des Teams an diesem unter anderem durch Crowdfunding finanzierten Projekt, ist dem Film stets anzumerken. Es ist nicht nur erfrischend, sondern auch beruhigend, dass echte Liebe zur eigenen Arbeit sich am Ende tatsächlich auszahlt. Hans Dampf hat Herz. Und das ist auch der Grund dafür, dass dieser Film mit all seinen Merkwürdigkeiten insgesamt durchaus gelungen ist. Wer Blockbuster-Unterhaltung sucht, wird hier trotz allem nur ratlos die Stirn runzeln. Wer aber bereit ist, sich nicht anhaltend über das Fehlen einer funktionalen filmischen Illusion zu mokieren, der wird in Hans Dampf die vielleicht gelungenste zeitgenössische Märchenverfilmung überhaupt finden. Glück ist, so lehrt uns dieser Film, eben eine Frage der Einstellung!

Hans Dampf

Märchenverfilmungen sind ja gerade „in“: Schneewittchen mit Schwert oder doch lieber knallbunt, eine Splatter-Version von Hänsel und Gretel — für jeden ist etwas dabei. Inmitten dieser US-amerikanischen Märchenmodernisierungen – oder Vergewaltigungen, das ist Ansichtssache – kommt „Hans Dampf“ gänzlich unprätentiös daher.
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