Hannah (2017)

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Eine einsame Frau, deren Mann wegen eines Verbrechens ins Gefängnis musste, versucht allein im Alltag zurechtzukommen – und scheitert daran.

Hannah (2017)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Studie der Einsamkeit

Als ihr Ehemann (André Wilms) wegen eines niemals genauer benannten, aber vermutlich – dafür gibt es einige Indizien – sehr schockierenden Verbrechens ins Gefängnis muss, versucht Hannah (Charlotte Rampling), ihr Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Das aber erweist sich immer mehr als Falle und Lebenslüge, aus deren Enge sie sich kaum zu befreien weiß.

In exakt eingerichteten Kameraeinstellungen umkreist der Film immer wieder Hannahs Versuche, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Häufig sehen wir sie in Spiegelungen, fast immer in der düsteren Wohnung, die Andrea Pallaoro als dunklen Seelenraum inszeniert, als Gefängnis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Scharf und hell als denkbar größten Kontrast ist hingegen das Haus inszeniert, in dem Hannah ihrer Arbeit als Zugehfrau nachgeht. Es ist eine fremde Welt, die der Reichen und Privilegierten, in der sie allenfalls als Bedienstete Zutritt hat.

Andrea Pallaoros Film lebt vor allem von Charlotte Ramplings Gesicht, das stets darum bemüht ist, dieses ungeheure Maß an Selbstbeherrschung und -kontrolle auszudrücken, dem Hannah ihr Leben unterworfen hat. Für ihre wundervoll distanzierte Darstellung erhielt Rampling 2017 beim Filmfestival von Venedig den Preis als beste Schauspielerin.

Nur zweimal sehen wir eine andere, eine echte emotionale Regung in ihrem Gesicht. Diese beiden Male folgen unmittelbar aufeinander, nachdem sie versucht hat, mit ihrem Sohn und ihrem Enkel in Kontakt zu treten, um dann anschließend ihrem Mann im Gefängnis die Illusion einer geglückten Familienzusammenführung vorzuspielen. Sonst erlaubt sich Hannah allenfalls emotionale Ausbrüche in Form der Übungen in der Theatergruppe, in der sie mitwirkt. Sie dienen ihr als Ventil, das herauszulassen, was sie sich sonst im Alltag verwehrt. 

Ansonsten starrt sie – bewegungs- und regungslos wie in jener Szene, als sie am Strand einen angespülten Wal beobachtet, dessen hilflose Lage natürlich eine Metapher auf ihr eigenes Dasein darstellt. Es sind dies die wenigen emotionalen wie erzählerischen Höhepunkte innerhalb einer Geschichte, die sonst eher Zustandsbeschreibung als Plot im herkömmlichen Sinne sind. 

Hannah ist ein Film, der es dem Zuschauer nicht gerade einfach macht: Die Langsamkeit und Düsternis, die die Szenen und Bilder ausstrahlen, die aufs Äußerste verknappten Dialoge, die kaum vorhandenen Informationen, die sich dem Zuschauer nur mühsam und oftmals zwischen den Zeilen vermitteln, die Indifferenz zwischen banalem Alltag und entscheidendem Wendepunkt, die beide in nahezu gleicher Tonalität inszeniert werden, erfordern viel Geduld und Aufmerksamkeit und den Willen, sich in Ramplings Gesicht zu versenken und sich dort auf Spurensuche zu begeben nach all dem, was der Film verweigert, verschweigt und nicht erzählt. Formal durchaus gelungen, hinterlässt Hannah dennoch ein Gefühl der Enttäuschung, weil er sich dem Zuschauer und seinem Sehnen nach Sinn so hartnäckig verschließt.

Hannah (2017)

Eine intime Beobachtung einer Frau (Charlotte Rampling), die ihren Sinn für die Realität und ihre Identität verliert, als sie sich nach dem Tod ihres Ehemanns mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Ein Film über Entfremdung und die Schwierigkeit, Kontakte zu knüpfen

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