Halley

Halley

Das Grauen einer unendlichen Existenz

Jeder Mensch, der einmal David Cronenbergs Die Fliege gesehen hat, wird sich wohl den Rest seines Lebens daran erinnern können, wie sich Jeff Goldblum in unendlicher Langsamkeit und mit häufigen Nahaufnahmen langsam verwandelt. Wie seine Haut zu klebrigem Fleisch wird, ihm Tasthaare wachsen, sich die Kiefer ändern — das ist Körperkino im tatsächlichsten aller Sinne.
Sebastián Hofmanns Halley ist ebenfalls starkes Körperkino, welches im Zuschauer unweigerlich Ekel und Unbehagen auslösen wird. Doch im Unterschied zu Cronenberg geht es hier nicht vorrangig um ein klassisches Horrorspektakel. Vielmehr verfolgt der Film einen eher essayistischen Ansatz, der in aller Ruhe und mit sorgfältig komponierten Bildern das Leben seines Protagonisten Alberto (Alberto Trujillo) verfolgt. Obwohl, ganz genau betrachtet, kann man das wohl nicht mehr sein „Leben“ nennen, denn Alberto ist in der unglücklichen Lage, bereits tot zu sein und trotzdem weiter zu existieren. Ein Zombie quasi, nur eben keiner, der jetzt auf der Suche nach Hirn ist. Alberto ist vielmehr immer noch Alberto. Nur sein Körper verwest zusehends. So verbringt er die meiste Zeit damit, mit Schminke, Babypuder und einer Einbalsamierungsflüssigkeit so gut es geht den Eindruck aufrecht zu erhalten, er sei noch am Leben. Die Natur aber ist nicht aufzuhalten und sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Bisher ging er trotz seiner Kondition seinem Job als Sicherheitsmann in einem Fitnessstudio nach. Doch jetzt will Alberto ihn aufgeben, denn er weiß, er wird nicht mehr allzu lang dazu in der Lage sein. Seine Chefin verlangt eine Woche Zeit von ihm, bis sie einen Ersatz gefunden hat.

Halley begleitet den depressiven Untoten in dieser Woche – in seinem Tempo, dem Tempo eines Zerfallenden zeigt er die Welt durch die Augen eines Menschen, der keiner mehr ist, der aber auch die Gewissheit eines Endes seiner Existenz nicht mehr hat. Kein schöner Gedanke. Oder wie der Mitarbeiter im Leichenschauhaus, in das er einmal versehentlich eingeliefert wird, sagt: „Was, wenn du nur noch ein Auge bist und selbst dann noch immer existierst?“

Der Film könnte mit dieser Idee spektakulär verfahren. Doch Hoffmann erkundet lieber mit viel Feingefühl den Wahnsinn einer nicht enden wollenden Existenz, die ganz offensichtlich auch eine metaphorische Annäherung an die jetzige Gesellschaft ist, in der ein Teil der Menschheit nur noch abgestumpft zur Arbeit und wieder nach Hause geht, so wie es Alberto noch lange nach seinem Ableben tut. Halley ist ein Film über die menschliche Würde, über Hoffnungen und Wünsche und über Leben, die nie so richtig gelebt wurden.

Dabei vermag dieser Film tatsächlich sowohl für Genrefans, als auch für Arthaus-Liebhaber von Interesse zu sein, vorausgesetzt man hat keinen schwachen Magen und erlaubt sich in die surreale Welt, die hier mit viel Liebe zum Detail aufgebaut wurde, einzusteigen. Nachwirkungen wird dieser Film definitiv haben; es ist unmöglich nach diesem Werk nicht über sein eigenes Leben nachzudenken und zu überlegen, ob man eigentlich nur existiert oder ob man sein Leben wirklich lebt.

(Festivalkritik vom 42. Internationalen Filmfestival Rotterdam, Beatrice Behn)

Halley

Jeder Mensch, der einmal David Cronenbergs „Die Fliege“ gesehen hat, wird sich wohl den Rest seines Lebens daran erinnern können, wie sich Jeff Goldblum in unendlicher Langsamkeit und mit häufigen Nahaufnahmen langsam verwandelt. Wie seine Haut zu klebrigem Fleisch wird, ihm Tasthaare wachsen, sich die Kiefer ändern — das ist Körperkino im tatsächlichsten aller Sinne.
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