Half Nelson

Half Nelson

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein High School Drama der anderen Art

Ryan Gosling entwickelt sich immer mehr zum Mann für alle Fälle. Gerade noch in der wunderbaren Komödie Lars und die Frauen / Lars and the Real Girl zu sehen, folgt der nächste Film schon auf dem Fuße. Auch in Half Nelson zeigt Gosling alle Schattierungen seines schauspielerischen Könnens, beeindruckt durch Einfühlungsvermögen und das Vermögen, mit kleinen Gesten und zurückhaltendem Spiel seine Rolle auf sehenswerte Weise auszufüllen.
In dem Film von Ryan Fleck und seiner Co-Autorin Anna Boden spielt Gosling den Lehrer Dan Dunne, der an einer überwiegend von afroamerikanischen Schülern besuchten High School in New York Geschichte unterrichtet. Und das tut er auf ziemlich unkonventionelle Weise: Anstatt stur seinen Stoff durchzuziehen, zielt Dan in seinem Unterricht vor allem auf die bedeutsamen Wendepunkte der Geschichte ab, jene historischen Wegmarken, an denen sich der Lauf der Historie ändert. Die Absicht dahinter ist klar: Der engagierte Lehrer will seinen größtenteils unterprivilegierten Schülern verdeutlichen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können, dass ihr Weg in dem Drogenmoloch Brooklyn keineswegs vorgezeichnet ist. Was niemand ahnt: Auch Dan könnte solch eine Veränderung ebenfalls gut gebrauchen, denn seine eigene Situation ist desolat. Allem Idealismus zum Trotz ist er ein haltloser Junkie, der sich gerne mal eine Crackpfeife reinzieht, bis er eines Tages von seiner Lieblingsschülerin Drey (Shareeka Epps) total bedröhnt in der Schultoilette vorgefunden wird. Zwischen dem Lehrer und seiner dreizehnjährigen Schülerin entwickelt sich eine Freundschaft, die auf wackligen Beinen steht…

Natürlich fühlt man sich von der Grundkonstellation der Geschichte her an Dangerous Minds und ähnliche wohlmeinende High-School Problemfilme erinnert, die sich in den letzten Jahren zumeist recht plump den Problemen vieler Jugendlicher anzunähern versuchten. Doch Fleck und Boden umschiffen zielsicher jegliches Klischee von heldischen Paukern, die ihre auf die schiefe Bahn gekommenen Schülern bei der Hand nehmen und auf den Weg der Tugend zurückführen. Half Nelson geht einen anderen Weg. Und er tut gut daran. Statt einen unglaubwürdigen Superhelden präsentiert der Film einen in seiner Schwäche und all seiner Widersprüchlichkeit durch und durch glaubhaften Protagonisten, der bis zur letzten Minute fesselt. Und mit Shareeka Epps hat Gosling eine kongeniale Schauspielerin an seiner Seite, deren Leistung ebenso viel Respekt verdient wie seine.

Weit entfernt von den konventionellen Erzählmustern Hollywoods und mit einem guten Auge für quasi beiläufig eingestreute Details, die eine dichte und ungeheuer authentisch wirkende Atmosphäre erschaffen, ist Half Nelson eine echte Independent-Perle und einer der besten Filme über die Drogen- und Gewalt-Thematik an US-amerikanischen Schule. Und zugleich ist er ein Lehrstück darüber, wie man ein scheinbar ausreichend behandeltes Thema noch einmal ganz anders erzählen kann.

Half Nelson

Ryan Gosling entwickelt sich immer mehr zum Mann für alle Fälle. Gerade noch in der wunderbaren Komödie Lars und die Frauen / Lars and the Real Girl zu sehen, folgt der nächste Film schon auf dem Fuße.
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