Half Moon

Half Moon

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Unterwegs im Zwischenland

Half Moon / Niwemang von Bahman Ghobadi ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter und außergewöhnlicher Film, der seine Zuschauer in eine ferne und karge Gegend entführt, die den meisten allenfalls aus Karl-May-Geschichten oder durch die Nachrichten bekannt sein dürfte – die Rede ist von Kurdistan.
Der Film erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Reise: Nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein bricht der alternde und kranke Musiker Mamo (Ismail Ghaffari) gemeinsam mit seinen neun Söhnen und seinem alten Freund Kako (Allah Morad Rashtiani) aus dem Iran in den Irak auf, um an einem großen Konzert teilzunehmen. Nach dem Ende des Regimes sind endlich wieder Aufführungen traditioneller kurdischer Weisen erlaubt, und so nutzen die Musiker die neue Freizügigkeit, um mit ihrem Auftritt ein Zeichen kurdischer Solidarität zu setzen. In einem klapprigen Schulbus setzt sich die Truppe in Bewegung, man scherzt, ist voller Vorfreude, das Ganze hat beinahe etwas von einem Klassenausflug an sich, wäre da nicht das Alter der Musiker. Doch die gute Stimmung wird von Mamos Vorahnungen überschattet – immer wieder sieht er sich in einem Sarg liegen, den eine junge Frau durch den Schnee schleppt. Trotzdem ist der Musiker nicht bereit, von seinem Vorhaben abzulassen. Doch da gibt es ein Problem: Es fehlt an einer ausdrucksstarken Frauenstimme, um der Musik das gewisse Etwas zu verleihen. Mamo erinnert sich an seine alte Freundin, die Sängerin Hesho (Hedye Tehrani), die gemeinsam mit anderen Frauen in ein entferntes Bergdorf verbannt wurde, da es Frauen im Iran verboten ist, als Solostimme vor einem männlichen Publikum aufzutreten. Kurzerhand beschließt Mamo, die Kameradin aus vergangenen Tagen einfach über die Grenze zu schmuggeln. Doch damit beginnen die Probleme erst, die Mamo und seine Begleiter in eine beinahe ausweglose Situation hineinbefördern, aus der sie nur noch ein Wunder erretten kann…

Bahman Ghobadi, geboren 1969 im iranischen Baneh, hat bislang in seiner Karriere gerade einmal vier Spielfilme realisiert – Half Moon / Niwemang eingeschlossen – und gilt bereits als einer der interessantesten Regisseure seiner Generation. Schon sein erster Film Zeit der trunkenen Pferde aus dem Jahre 2000 wurde mit einer Vielzahl an Auszeichnungen überhäuft, unter anderem erhielt der Film den Preis der internationalen Filmkritiker-Vereinigung FIPRESCI auf dem Festival von Cannes. 2002 folgte der Film Song of My Motherland und 2004 Schildkröten können fliegen, der auf dem Festival von San Sebastian die Goldene Muschel erhielt. Ein Erfolg, der sich im Jahre 2006 bei Half Moon / Niwemang wiederholte.

Auch wenn der Hintergrund der Geschichte denkbar ernst ist, so schafft es Ghobadi in seinem von Nigel Bluck wunderbar fotografierten Film immer wieder, durch humoristische Einlagen, träumerische Passagen und Situationskomik eine Balance zu finden, die aus dem Road Movie ein vielschichtiges, unterhaltsames und nachdenklich stimmendes Werk macht – kurzum: ein wunderbarer Film, der die fremde Welt der Kurden treffend und voller Anteilnahme abbildet. Allerdings hat so viel Talent und Engagement auch seinen Preis, denn der Film wurde im Iran kurz nach seiner Premiere verboten, da hierin unter anderem Frauen zu sehen sind, die in Anwesenheit von Männern alleine singen – was wieder einmal zeigt, dass die Realität die Fiktion häufig genug übertrifft.

Angesichts des Themas und der Haltung, die Bahman Ghobadi in seinem Film bezieht, hat sich der Verleih Pandora dazu entschlossen, auf eine Synchronfassung des Films zu verzichten und ihn ausschließlich in der kurdischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln zu zeigen. Bedenkt man, dass dies möglicherweise einige Zuschauer von einem Kinobesuch abhalten wird, ist solch eine Konsequenz umso bewundernswerter und leider auch selten geworden in Zeiten wie diesen.

Half Moon

Half Moon / Niwemang von Bahman Ghobadi ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter und außergewöhnlicher Film, der seine Zuschauer in eine ferne und karge Gegend entführt, die den meisten allenfalls aus Karl-May-Geschichten oder durch die Nachrichten bekannt sein dürfte.
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Meinungen
Ute Prang · 06.07.2008

Mich hat in letzter Zeit kaum ein Film so stark berührt wie dieser.

Emre · 16.12.2007

Ich habe es heute angeguckt...
Es war sehr schön und traurig....
Stimmt Hans Peter..Er spielt sein Rolle wunderbar und vorallem der Busfahrer ^^

Hans-Peter Colmar · 04.09.2007

Schade, daß dieser Film nur in wenigen kleinen Kinos läuft. Die Geschichte des charmanten alten Musikers Mamo und die wunderbaren Bilder seiner Reise durch das iranisch-irakische Grenzgebiet hätte größere Leinwände verdient.

Kommentare

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