Grace Is Gone

Grace Is Gone

Eine Filmkritik von Florian Koch

Vom Verlust des liebsten Menschen

Hustle & Flow, Little Miss Sunshine und zuletzt The Wackness, sie sind allesamt originelle, kraftvolle Filme junger Regisseure, die eines gemeinsam haben: Sie alle gewannen den ungemein geachteten Publikumspreis beim Sundance-Festival. Ein Film, dem diese Ehre auch zuteil wurde, fällt da ein wenig aus der Reihe: das Familiendrama Grace Is Gone. Dahinter verbirgt sich ein quälendes, gefühlsbetontes Roadmovie über die Frage: Wie kann ich meinen Kindern (und mir) den Tod ihrer Mutter beibringen?
Seit einiger Zeit ist die Familie Phillips auseinander gerissen. Denn Grace ist Sergeant bei der US-Armee und kämpft für ihr Land im Irak. Ihr zurückhaltender Gatte Stanley (John Cusack) wurde wegen einer Sehschwäche ausgemustert und kümmert sich in Graces’ Abwesenheit rührend um die zwölf und acht Jahre alten Töchter Heidi (Shélan O’ Keefe) und Dawn (Gracie Bednarczyk). Plötzlich klingelt es an der Haustür und zwei Soldaten überbringen Stanley die Hiobsbotschaft, dass seine Frau bei der "Ausübung ihrer Pflicht" im Irak ums Leben gekommen ist. Vor lauter Schock weiß Stanley gar nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Wie soll er diese Horrornachricht schonend seinen Kindern beibringen? Er beschließt ihnen erstmal nicht über den Tod ihrer Mutter zu berichten und spontan mit dem Auto - samt der beiden Töchter - quer durch die Staaten zu fahren, um den Vergnügungspark "Enchanted Gardens" in Florida zu besichtigen. Auf dieser Reise will Stanley seine Gedanken ordnen und den Kindern möglichst im richtigen Moment den Verlust beichten. Unterwegs macht die Kleinfamilie an zahlreichen Tankstellen, Motels und Diners halt und besucht auch Stanleys unpatriotischen Bruder John (Alessandro Nivola). Doch die Last mit der Wahrheit irgendwann herausrücken zu müssen wird auf diesem Trip für Stanley nicht geringer; die immer lauteren Nachfragen der Kinder blockt er schroff ab. Eine "sensible" Lösung des Problems scheint kaum mehr in Aussicht.

Aus der Frage "Wann sagt Stanley es seinen Kindern endlich und wie sagt er es ihnen?" bezieht Grace Is Gone, das Debütwerk von James C. Strouse (Lonesome Jim) seine Spannung. Der meist mit Handkamera gedrehte Independentfilm verlässt sich dabei ganz auf seine Schauspieler. So sehr Hollywoodstar John Cusack (Zimmer 1408 / Room 1408) dabei die Rolle des verschlossenen Schmerzenmannes auf den Leib geschrieben wurde, so richtig überzeugen kann er mit seiner Darstellung leider nicht. Sein manieriertes Brillerichten, die gebückte Haltung und der schleichende Gang wirken aufgesetzt; richtig nahe kommt er der Stanley-Figur nie – bis zum Schluss bleibt sie seltsam unnahbar und künstlich. Neben einem lebhaften Nivola, der ein wenig Farbe in den manchmal schleppenden um sich selbst kreisenden Film bringt, brillieren aber die Kinderdarsteller mit selten gesehener Natürlichkeit. Ihre Neugier, ihre Leidenschaft und ihr kindlicher Charme rühren den Zuschauer am Ende doch zu Tränen.

Auch der zart-zurückhaltende, für den Golden Globe nominierte Soundtrack hat dabei seinen Anteil. Geschrieben wurde er von Clint Eastwood (Mystic River, Million Dollar Baby), der erstmals für einen Film, den er nicht inszenierte, einen Score komponierte.

Unter dem Strich bleibt Grace Is Gone ein konstruiertes Familiendrama, das die Irak-Problematik wie Im Tal von Elah / In the Valley of Elah von innen heraus thematisieren will. Da der Zuschauer aber nie etwas von Grace und ihren Einsätzen erfährt, bleibt die Figur ohne Kontur, das Irak-Thema letztlich beliebig. Das zu sentimentale, überladene Tod-Verdrängungsdrama Grace Is Gone weiß deshalb nur in Einzelszenen, aber nicht als Ganzes zu überzeugen.

Grace Is Gone

Hustle & Flow, Little Miss Sunshine und zuletzt The Wackness, sie sind allesamt originelle, kraftvolle Filme junger Regisseure, die eines gemeinsam haben: Sie alle gewannen den ungemein geachteten Publikumspreis beim Sundance-Festival.
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