Glückliche Fügung

Glückliche Fügung

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die (Un)Möglichkeit des Glücks

Das Glück, dem alle ständig hinterher jagen, auf das alle hoffen und das zur Triebfeder allen menschlichen Strebens geworden ist, ist manchmal schon eine verdammt zweischneidige Sache. Da tritt plötzlich und unerwartet eine "glückliche Fügung" ein, die unser Leben unversehens in eine andere (und natürlich bessere) Richtung lenkt und der solchermaßen Beglückte macht dazu ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Ganz schön undankbar, so möchte man meinen. Für einen kurzen Moment durchzuckt einen dieser Gedanke auch beim Betrachten von Isabelle Stevers sprödem Beziehungsdrama Glückliche Fügung, dessen Titel natürlich nichts weiter als eine Absage an sämtliche gängigen Glücksversprechen ist.
Ausgerechnet an Silvester ist Simone (Annika Kuhl) allein zuhause. Während draußen die Raketen gen Himmel fliegen, um das neue Jahr zu begrüßen, liegt sie allein im Bett. Später geht sie dann doch noch aus, lernt in einer Disco den Krankenpflegehelfer Hannes (Stefan Rudolf) kennen und verbringt die restliche Nacht mit ihm. Es ist ein One-Night-Stand mit Folgen: Simone wird schwanger – und hat Glück im Unglück. Denn Hannes steht zu ihr und dem Kind, ist bereit, die Verantwortung für die Vaterschaft zu übernehmen und die Beziehung, die niemals eine war, auf eine gemeinsame Basis zu stellen. Voller Begeisterung stürzt sich Hannes in das Abenteuer der Familiengründung, besorgt ein Haus im Grünen, kümmert sich liebevoll um die Schwangere. Wahrlich eine glückliche Fügung, so könnte man meinen. Doch ein Blick in Simones Gesicht erzählt eine ganz andere Geschichte. Ständig wirkt die Frau leicht abwesend, zerstreut, manchmal auch verängstigt. Wenn sie einmal lächelt, dann sieht sie so aus, als müsse sie sich dazu zwingen. Hinzu kommen Befürchtungen, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung sein könnte, Begegnungen mit dem vollbärtigen Herbert (Arno Frisch), den sie von früher zu kennen scheint, Eifersuchtsattacken auf die Nachbarin Susa (Maria Simon) und schließlich das Gefühl, dass sie nicht gut genug für den verständnis- und liebevollen Hannes sein könnte. Je weiter die Schwangerschaft voranschreitet, desto mehr wächst ihr diffuses Unbehagen und das des Zuschauers...

Leicht macht es Isabelle Stever dem Zuschauer mit ihrem Film Glückliche Fügung nicht gerade. Aber das ist vermutlich auch gar nicht ihre Absicht. Wer ihr explosives Beziehungsdrama Erste Ehe kennt, in dem viel und lautstark agiert wurde, erkennt die Handschrift der Regisseurin in Glückliche Fügung kaum mehr wieder. Ihre kühl-distanzierte Inszenierung im Stil der Berliner Schule, die dünnen Dialoge, die keinerlei Hinweis auf Simones Befinden und ihre (offensichtlich traumatische) Vergangenheit geben, der rätselhafte Herbert (Arno Frisch), der urplötzlich ohne große Erklärungen auftaucht und dann wieder verschwindet, das alles komprimiert sich zu einem vagen, in der Schweben gehaltenen Drama, das mit leisem, vor allem psychologischem Horror von der Unmöglichkeit des Glücks, von falschen Wegen und selbst erwählten Gefängnissen erzählen will.

Dabei passiert eigentlich kaum etwas in Glückliche Fügung. Oder zumindest nichts, was dem Zuschauer ins Auge fiele. Die klaffende Lücke, die offensichtliche Distanz zwischen dem Gezeigten und Simones Reaktionen darauf, der Unterschied zwischen dem scheinbaren Glück der werdenden Familie und dem offensichtlichen, aber niemals begründeten Unglück Simones sind schon das Auffälligste, das Greifbarste.

Was genau sind aber Simones Probleme mit dem (vermeintlichen oder tatsächlichen) Glück? Was hat sie zu dem kalten, distanzierten, verängstigten Menschen werden lassen, der sie nun mal ist? Die Frau ohne Vergangenheit und mit ungewisser Zukunft bleibt bis zum Schluss eine Fremde für den Zuschauer und wirkt wie eine Mensch gewordene Metapher über die prinzipielle Zerbrechlichkeit und Fragwürdigkeit von Momenten, die sonst der Kategorie Glück zugeordnet werden. So ist es kein Wunder, dass man diesen Film zwar aufgrund seiner sehr gekonnten Inszenierungsweise, seines irritierend kalten Blickes und dem reduziert-nuancierten Spiel von Annika Kuhl durchaus schätzen kann, emotional ergreifend und psychologisch nachvollziehbar ist Glückliche Fügung aber nicht geworden. Aber vielleicht verhält es sich ja genau so mit dem Glück und dem Unglück – für beides braucht es keine Begründung; es ist einfach vorhanden oder auch nicht. Und entscheidet mit seiner An- und Abwesenheit darüber, wie unser Leben verläuft.

Glückliche Fügung

Das Glück, dem alle ständig hinterher jagen, auf das alle hoffen und das zur Triebfeder allen menschlichen Strebens geworden ist, ist manchmal schon eine verdammt zweischneidige Sache.
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