Glue

Glue

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Jugend am Ende der Welt

Der argentinische Teil Patagoniens ist beinahe so etwas wie das Ende der Welt. Das gilt für alle Bewohner dieses kargen und dünn besiedelten Landstrichs, umso mehr aber für den 15-jährigen Lucas (Nahuel Pérez Biscayart), der hier aufwächst und sich zu Tode langweilt. Was kann ein Jugendlicher hier auch schon erleben. Vor allem dann, wenn man dringend auf sein „erstes Mal“ wartet. Also hängt Lcuas mit seinem besten Freund Nacho (Nahuel Viale) ab, träumt vom ersten Sex, schreibt Songs für seine Punkbank und vertreibt sich die Zeit mit Fahrradfahren. Von seiner Familie hat er in diesen schweren Zeiten keine Unterstützung oder gar Verständnis zu erwarten, der Vater ist weg bei seiner Freundin, während Lucas’ Mutter verzweifelt versucht, die Ehe zu retten. Doch da sich Lucas nicht so richtig an Mädchen herantraut und die ebenso schüchterne Andrea (Inés Efron) die beiden Jungs einfach sitzen lässt, nehmen die Dinge einen ungewöhnlichen Verlauf: Im Verlauf eines Abends, an dem er und Nacho Klebstoff schnüffeln, kommen sich die Lucas und Nacho näher, als sie das ursprünglich wollten. Und als später alle drei sich näher kommen, ist die Verwirrung noch größer, es beginnt eine Zeit der Orientierungen.
Kaum eine Band hat die hormonellen Verwirrungen und Sturm-und-Drang-Zeiten zu sehr auf den Punkt gebracht wie die Violent Femmes, deren Songs Blister in the Sun und vor allem Add it up haargenau beschreiben, worum es in Glue geht: „Why can’t I get just one kiss, why can’t I get just one kiss, here may be something and that I wouldn't miss, but I look at your pants and I need a kiss“.

Der argentinische Regiedebütant und seine Kamerafrau Natasha Braier fangen diese Zeit in wunderbaren DV-Bildern ein, die sie ganz unvermittelt mit stillen und verblüffend intimen Super-8-Sequenzen konterkarieren. Die Weite und Kargheit der Landschaft, das rot gefärbte Abendlicht, die Wolken, die sich wie im Schneckentempo über den Himmel Patagoniens bewegen, das alles bildet den Hintergrund für ein Coming-of-Age-Film, wie man ihn in dieser Form nur selten sieht. Das liegt neben der Regie und der exquisiten Kameraarbeit auch an den jungen Darstellern, die allesamt ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Das Script gab dem Regisseur und seinen Akteuren lediglich ein grobes Handlungsgerüst vor, auf dessen Basis die Szenen improvisatorisch erarbeitet wurden. Ein Wagnis für den jungen Regisseur, doch das Experiment ist gelungen und lässt immer wieder durchschimmern, wie viel vom eigenen Erfahrungsschatz der Beteiligten mit eingeflossen sein mag. Das schafft eine Authentizität, die man beinahe mit den Hände greifen kann.

Alexis Dos Santos hat mit seinem Film weltweit auf verschiedenen Festivals für Furore gesorgt, insgesamt hat sein írritierend kraftvoller und vibrierender Film Glue schon mehr als 12 Preise abgeräumt, unter anderem beim Rotterdam International Film Festival. Eine kleine Entdeckung ist dieser Film allemal und ein weiterer Beweis dafür, dass die argentinische Filmsszene noch einiges an Potenzial vorzuweisen hat.

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Der argentinische Teil Patagoniens ist beinahe so etwas wie das Ende der Welt. Das gilt für alle Bewohner dieses kargen und dünn besiedelten Landstrichs, umso mehr aber für den 15-jährigen Lucas (Nahuel Pérez Biscayart), der hier aufwächst und sich zu Tode langweilt.
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