Gigola

Gigola

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Paris - Stadt der Frauen und Garçonnes

Willkommen in der Stadt der Liebe und der Triebe, willkommen in der démi-monde der lesbischen Subkultur der 1960er Jahre. Willkommen in Paris! Basierend auf ihrem eigenen autobiographischen Roman, der 1972 noch einen mittelschweren Literaturskandal in Frankreich ausgelöst hatte, hat Laure Charpentier einen nostalgischen Blick auf glamouröse, längst vergessene Zeiten der französischen Metropole geworfen, der noch ein bisschen schwelgerischer ausgefallen ist als Woody Allens Midnight in Paris — weil hier im Gegensatz zum Film des Amerikaners die Gegenwart gar nicht erst stattfindet.
Anzug oder Smoking, gerne mal ein Kummerbund, dazu feinstes Schuhwerk und ein Spazierstock mit silbernem Knauf, die Haare kurz geschnitten und mit Brillantine in akkurate Form gebracht – Georgia (Lou Doillon), die sich nur Gigola nennt, ist der Inbegriff einer dandyette oder garçonne – jener weiblichen Form der Dandys, die in den 1920ern und 1930ern in Mode waren. Ihr Revier ist das Viertel rund um die Place Pigalle im Pariser Künstlerviertel Montmartre und vor allem ein Cabaret féminin, in dem sich Huren und Luden, Künstler und Verbrecher Abend für Abend, Nacht für Nacht ein Stelldichein geben. Und Gigola ist der strahlende Mittelpunkt dieses munteren Treibens, das wie eine Insel der Nostalgie in einer als trivial empfundenen Gegenwart der stockkonservativen frühen 1960er wirkt. Das Leben als ein Roman aus vergangenen goldenen Zeiten – Gigola lebt genau dies. Mit scheinbarer Eiseskälte lässt sie sich von reichen älteren Damen aushalten und ist diesen sexuell zu Diensten, ohne dabei aber jemals eine Bittstellerin zu sein. Und mit ebenso großer Selbstverständlichkeit befreit sie Prostituierte von ihren Zuhältern, um sich diese anschließend als Mätressen zu halten – ganz nach dem Vorbild der großen Garçonnes vergangener Zeiten. Erst nach und nach und durch die Begegnung mit der 20 Jahre älteren Psychiaterin Alice (Ana Padrão) offenbart sich Georgias Geschichte, die sie zu dem gemacht hat, was sie ist – ihre Kindheit und die unglückliche Liebe zu ihrer Schulrektorin Sybil, der sie einst ihre Zuneigung gestand…

Als Laure Charpentiers Roman 1972 erschien, fiel er sofort der Zensur zum Opfer und wurde erst 30 Jahre später neu aufgelegt. Später dann, als die Idee entstand, dieses Buch zu verfilmen, zogen sich die Verhandlungen mit potenziellen Regisseuren so lange hin und erwiesen sich als dergestalt schwierig, dass die Autorin schließlich selbst die Regie übernahm, obwohl sie bislang keinerlei Erfahrungen als Filmemacherin hatte. Dennoch war diese Entscheidung aufgrund der stark autobiographischen Bezüge durchaus logisch und folgerichtig.

Doch es sind nicht nur die eigenen Erinnerungen, aus denen Gigola schöpft, sondern auch (gerade im Bezug auf die Liebesgeschichte zwischen Georgia und ihrer Rektorin) andere Quellen der Inspiration wie etwa Mädchen in Uniform (1931) von Léontine Sagan und Karl Froelich, dessen Neuverfilmung aus dem Jahre 1958 (Regie: Géza von Radványi) mit Lilli Palmer und Romy Schneider zwei Topstars der damaligen Zeit zusammen auf die Leinwand brachte.

Leider verfügt Charpentiers Hommage an Filme wie diese und an glamouröse Zeiten trotz sehenswerter Kostüme und einer gelungenen Ausstattung nicht über die Qualität der genannten Vorbilder. Trotz einer guten Besetzung wirken die Figuren nur in ganz seltenen Momenten wie Menschen aus Fleisch und Blut, sondern vielmehr wie eindimensionale Stereotype, was insbesondere bei der Zeichnung der Eltern von Georgia unangenehm auffällt. Zudem vermisst man schmerzlich einen durchgängigen Spannungsbogen, der über die gesamte Dauer des Filmes trägt und der Interesse für die Figuren und deren Entwicklung weckt.

So ist Gigola zwar durchaus hübsch anzusehen und entführt den Zuschauer in eine Zeit und in ein Milieu, über das man gerne mehr erfahren würde. Beim Verlassen des Kinos aber bleibt der Eindruck haften, dass man bei Gigola, ihrer verruchten Welt und ihren verborgenen Gefühlen allenfalls an der makellos polierten Oberfläche gekratzt hat. Aber vielleicht ist das so mit den eigenen Erinnerungen an frühere Zeiten — besser, man schaut nicht allzu genau hin. Sie könnten ihren Zauber sonst verlieren.

Gigola

Willkommen in der Stadt der Liebe und der Triebe, willkommen in der démi-monde der lesbischen Subkultur der 1960er Jahre. Willkommen in Paris! Basierend auf ihrem eigenen autobiographischen Roman, der 1972 noch einen mittelschweren Literaturskandal in Frankreich ausgelöst hatte, hat Laure Charpentier einen nostalgischen Blick auf glamouröse, längst vergessene Zeiten der französischen Metropole geworfen, der noch ein bisschen schwelgerischer ausgefallen ist als Woody Allens „Midnight in Paris“ — weil hier im Gegensatz zum Film des Amerikaners die schnöde Gegenwart gar nicht erst stattfindet.
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Meinungen
Frau Schlau · 15.02.2012

Es ist ein Film für einen 'Queerabend' der ohne Ton im Hintergrund in Endlosschleife laufen kann. Nette Bilder, aber mehr sollte man nicht erwarten. Letztendlich fehlt eine schlüssige Handlung und man hat den Eindruck, am Ende ging den Machern das Geld aus.

Kommentare

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