Gierig

Gierig

Eine Filmkritik von Mike Swain

Durchgeknallt

Wer schon immer mal einen Film sehen wollte, der damit beginnt, dass zwei sehr mollige, nackte Damen, die aus einem Bild von Otto Dix zu stammen scheinen, über die Bühne tanzen, während sich ein Johnny-Rotten-Verschnitt ein Mikrokabel um den Penis wickelt, der ist bei Oskar Roehlers Gierig genau richtig. So abstoßend und irgendwie doch faszinierend wie diese Szene, ist auch der gesamte Film.
Gierig das ist eine durchgeknallte, wilde, exzessive und oft stark überzeichnete Melange aus Kitsch, Gewalt, Melancholie, Sex, die hin und her schwappt zwischen Großartigem und Szenen, bei denen man die Tapete von den Wänden kratzen könnte. Kurzum ein Film, den man entweder innig lieben oder abgrundtief hassen wird.

Die Berliner Journalistin Natascha (Jasmin Tabatabai) schläft schon mal bei einem Interview ein. Zu anstrengend ist es, nachts mit Koks in der Nase durch die Szene-Clubs der Hauptstadt zu ziehen und der Job bedeutet ihr sowieso nicht viel. Auch ihre Beziehung zu dem Barbesitzer und Videokünstler Gary (Richy Müller) stellt sie nicht zufrieden. Das Paar ist zwar schon seit Ewigkeiten zusammen, doch ob sie sich wirklich noch lieben, das steht in den Sternen. Ihre sexuellen Kicks zumindest holen sie sich anderswo. Doch Spaß macht Sex in Gierig nie und ein Ausdruck von Liebe ist er überhaupt nicht – im fahlen Licht von Garys Nachtclub ist Sexualität nur ein Aufschrei nach Liebe und ein Unterdrücken von Schmerzen. Als Natascha von Garys Seitensprüngen mal wieder die Schnauze voll hat, beginnt sie eine Affäre mit dem Boxer Sugar (Gregor Törzs), dessen Einfältigkeit sie anzieht und doch wieder abstößt.

Nach einem Kollaps auf einer Vernissage stellt sich heraus, dass Gary an einem Hirntumor leidet und nicht mehr lange leben wird. Sein nahender Tod bietet dem Paar eine letzte Möglichkeit, in der Kälte des Berliner Nachtlebens noch einmal wirklich zueinander zu finden.

In seiner 1998 entstanden Liebestragödie zeigt Regisseur Oskar Roehler, welches Potential in ihm steckt. Mag auch manches in Gierig unausgegoren wirken, Roehlers Mut zur Radikalität und Überzeichnung sowie seine offensichtliche Freude am Experimentieren sind mehr als nur lobenswert. Man würde sich öfters diesen Mut im deutschen Film wünschen. So ist Gierig dann auch ein zutiefst undeutscher Film, sondern erinnert eher an Produkte des asiatischen Kinos. Oder begründet sich diese Einschätzung doch etwa nur an der herrlich kitschigen japanischen Fassung von Porque te vas die Jasmin Tabatabai am Anfang des Films ins Mikro haucht?

Gierig

Wer schon immer mal einen Film sehen wollte, der damit beginnt, dass zwei sehr mollige, nackte Damen, die aus einem Bild von Otto Dix zu stammen scheinen, über die Bühne tanzen, während sich ein Johnny-Rotten-Verschnitt ein Mikrokabel ...
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