Ghosted

Ghosted

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Berlinale 2009: Panorama

Die deutsche Regisseurin Monika Treut ist überwiegend als Dokumentarfilmerin bekannt und hat sich bereits in den achtziger und neunziger Jahren mit Themen wie Transgender, Bondage oder SM filmisch auseinandergesetzt. Das, was heute in den Blättern der Yellow Press kaum noch für Aufsehen sorgt, verstörte vor zwanzig Jahren die Öffentlichkeit, und Monika Treut hat mit ihrem bisweilen surrealistischen – aber immer humorvollen - Stil diese Verstörung noch zusätzlich gefördert. Sie hatte immer schon ein Händchen für die originelle Darstellung von Menschen jenseits des Mainstreams. Beispielsweise produzierte sie die ungewöhnliche Dokumentation Didn't Do It for Love über Eva Norvind, aka Mistress Ava Taurel, aka Eva Johanne Chegodaieva Sakonskaya: Adlige, Schauspielerin, Sexsymbol, Domina und Universitätsdozentin. Ein Leben, wie es eigentlich nur in einem Roman erfunden werden kann, und das Monika Treut wie keine zweite in eindrucksvollen Bildern nacherzählte. Es tat gut, zu sehen, dass es solche unangepassten Menschen wie Eva Norvind gab, die sich bewusst gegen gesellschaftliche Zwänge stellte und ihr Leben kreativ und grenzüberschreitend inszenierte. Genau so individuell gestaltete sich allerdings auch der Tod der Dominatrix, denn sie ertrank eine Woche nach ihrem 62. Geburtstag an der Küste Mexikos, die für einige Jahre ihre Wahlheimat war und der sie sich immer zugehörig gefühlt hatte.
Monika Treut hatte durch ihre internationale Arbeit – wobei die USA hier ihr bevorzugter Tummelplatz war – immer die Gender-Nase vorn, denn sie bearbeitete das Thema Trans* zu einem Zeitpunkt, als es hier in Deutschland in feministischen Kreisen eine absolute No-Go-Area war. Während ihr Doku-Film Female Misbehavior dank eines geschickt eingesetzten Spekulums den tiefen Einblick in Annie Sprinkle gewährte, erklärte Schnellrednerin, Quasselstrippe und Frauentheoretikerin Camille Paglia: "Haltet euch raus aus unserem Sexualleben!", und F2M Max Valerio war gerade mitten drin, sich zum Mann umbauen zu lassen. Sieben Jahre später konnte man in Gendernauts erfahren, dass in Los Angeles ein reger Transgender-Tourismus eingesetzt hatte, und bei Max wenigstens schon die Brüste ab waren, auch wenn der Schwanz erst eine Länge von fünf Zentimetern erreicht hatte – aber die Länge ist ja bekanntlich nicht so wichtig. Ach, und natürlich nicht zu vergessen die schrägen Spielfilme Die Jungfrauenmaschine oder My Father Is Coming. Was haben wir gelacht!

Nun hat Monika Treut ihren neuen Spielfilm Ghosted auf der Berlinale Panorama 2009 vorgestellt. Wie bereits in ihrer letzten Arbeit, Den Tigerfrauen wachsen Flügel, beschäftigt sie sich mit Taiwan, und plötzlich hat man das Gefühl, Treut ist sehr, sehr reif geworden. In ästhetischen, bisweilen asketischen Bildern lässt sie ein Beziehungsdrama zwischen Hamburg und Taipeh, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart entstehen, das als Mixtur aus Krimi, Liebesfilm und Mystery-Thriller inszeniert ist. Erstaunlich brav werden hier zwar die Sexszenen zwischen der Video-Künstlerin Sophie Schmitt (Inga Busch) und der jungen Taiwanesin Ai-Ling (Ko Huan-Ju) gezeigt, die absolut nichts mit Bondage, SM oder Pornographie zu tun haben, aber das ist nicht weiter schlimm, denn Treut scheint sich an diesen Themen in der Vergangenheit mehr als abgearbeitet zu haben. Stattdessen ist ein spannender Spielfilm entstanden - Treut reloaded, aber mit anderer Munition. Die sieht nämlich eine zarte und dennoch leidenschaftliche Beziehung von zwei Frauen vor, die sehr märchenhaft und klischeehaft schön dargestellt wird. Allerdings trübt sich bald der Himmel voller Geigen, da Ai-Ling besessen von der Suche nach ihrem leiblichem Vater ist, und Sophie die Art ihres Zusammenlebens bald zu eng wird. Hier prallen unterschiedliche kulturelle Lebensentwürfe aufeinander, die auch durch die tiefe Liebe kaum aufgehoben werden können. Westlicher Individualismus versus östlichem Gemeinschaftsgefühl führt die beiden Liebenden in ihre erste große Krise. Während Sophie vor der einengenden Symbiose flieht, versucht Ai-Ling sich in ihrer neuen – ungewollten - Freiheit zurechtzufinden. Ein Ausflug in eine Lesbenbar lässt sie auch direkt auf die blondierte Rechtsanwältin Katrin Bendersen (Jana Schulz) treffen, die sofort von ihr entflammt ist. Auf dem gemeinsamen Heimweg geschieht jedoch etwas Unfassbares, und Sophies Anruf auf der Mailbox ist das Letzte, was Ai-Ling noch zu hören bekommt...

Die neue Monika Treut tut richtig gut, und sie vermittelt – neben der spannenden und mystischen Rahmenhandlung, die die Grenze von Fiktion und Realität manches Mal verwischt - ein tiefsinniges Porträt von Taiwan, das zwischen Moderne und Tradition hin- und hergerissen ist. Trotz aller kultureller Unterschiede zeigt der Film jedoch vor allem eines: Liebe ist universell und kümmert sich nicht um gesellschaftliche Normen.

Dieser Beitrag wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Sissy , Homosexual's Film Quarterly.

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Die deutsche Regisseurin Monika Treut ist überwiegend als Dokumentarfilmerin bekannt und hat sich bereits in den achtziger und neunziger Jahren mit Themen wie Transgender, Bondage oder SM filmisch auseinandergesetzt.
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