Gerry

Gerry

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Dienstag, 23. Juni 2009, 3sat, 23:00 Uhr

Da sind zwei Freunde (Casey Affleck und Matt Damon), die beide Gerry heißen, mit einem alten Mercedes unterwegs in einer unspezifischen Mission, die sie ohne Nahrung der Gnadenlosigkeit der Wüste und ihrer eigenen Grenzen aussetzt. Das sind die kargen Ereignisse, die von der US-amerikanischen Independent-Legende Gus Van Sant mit Gerry aus dem Jahre 2002 mit geradezu unerhörter Langsamkeit zelebriert werden.
Zwei junge Männer in den Zwanzigern, die offensichtlich ebenso freundschaftlich wie auch durch eine unbenannte Herausforderung miteinander verbunden sind, verlieren sich in der unterschätzten Weite einer unwirtlichen Gegend. Es ist die bis ins stille Standbild hineinreichende, atmosphärische Reduktion von Dynamik und Sprache, die diesen Film prägt, der einen so extremen wie intensiven Kontrapunkt zu den klassischen Erzählformen des Kinos setzt.

Gedreht in Argentinien, in der Umgebung des Death Valley und der Salzebenen Utahs besticht Gerry durch grandiose landschaftliche Szenarien, die der wachsenden Orientierungs- und Hilflosigkeit der beiden Protagonisten innerhalb dieser monumentalen Kulisse eine unbarmherzige Tragik verleihen. Mal betont, mal kontrastiert die gewaltige Natur die Stimmungen der Figuren, die allein in der Wildnis physisch wie emotional auf eine drohende Unwiderbringlichkeit zusteuern.

Kameramann Harris Savides, der neben seiner engen Zusammenarbeit mit Gus Van Sant auch schon für Wong Kar Wai (The Follow) und David Fincher (Zodiac) gefilmt hat, gelingen Aufnahmen von schonungsloser Intensität, die der Verlorenheit der Charaktere, die sich zunehmend von ihrer philosophischen Worthaftigkeit trennen, einen eindringlichen visuellen Ausdruck verschaffen, mitunter flankiert von den wehmütigen Klängen der Musik Arvo Pärts.

Gerry bildet den Auftakt zu Gus Van Sants Death Trilogy, die dieser mit Elephant fortsetzt, der 2003 in Cannes die Goldene Palme gewinnt, und mit Last Days beschließt, der 2005 für die begehrte Trophäe nominiert war und schließlich mit dem Prix Vulcain de l’Artiste Technicien für das Sounddesign von Leslie Shatz prämiert wurde. Betrachtungen zu Sterbehilfe, Mord und Freitod markieren die Chronologie dieser Trilogie, der tatsächliche Begebenheiten zu Grunde liegen.

Gemeinsam mit seinen Hauptdarstellern Casey Affleck und Matt Damon hat Gus Van Sant das Drehbuch entwickelt sowie den Film geschnitten, der auf den Tod des jungen David Coughlin rekurriert, der 1999 von seinem besten Freund Raffi Kodikian am Rattlesnake Canyon in New Mexico erstochen wurde, nachdem die beiden auf ihrem Ausflug unerträglich ausgetrocknet waren und Coughlin die Schmerzen nicht mehr ertrug.

Junge Männer in existentiellen Krisensituationen, so lässt sich die ebenso einfühlsame wie beunruhigende Dreierserie Gus Van Sants knapp umreißen, wobei der erste Teil Gerry dem Gedenken an den Schriftsteller Ken Kesey (1935-2001) gewidmet ist – eine leise Hommage an dessen unvergessliches Jahrhundertwerk One Flew Over the Cuckoo´s Nest / Einer flog über das Kuckucksnest von 1962, 1975 überwältigend von Miloš Forman verfilmt.

Selten wurde der Barmherzigkeit des Todes ein so offen ambivalenter und doch derart ausufernder, ungefälliger Raum gegeben wie in Gerry, dessen Titel nicht nur den Namen der Figuren repräsentiert, sondern als vage Begrifflichkeit ab und zu im Film auftaucht, als vager Code der Charaktere. Die enorme Langsamkeit, mit der sich der Film entwickelt, verlangt dem Zuschauer bisweilen zwar eine enorme Geduld ab, doch gerade diese Entschleunigung beherbergt letztlich einen Schatz.

Gerry

Da sind zwei Freunde (Casey Affleck und Matt Damon), die beide Gerry heißen, mit einem alten Mercedes unterwegs in einer unspezifischen Mission, die sie ohne Nahrung der Gnadenlosigkeit der Wüste und ihrer eigenen Grenzen aussetzt. Das sind die kargen Ereignisse, die von der US-amerikanischen Independent-Legende Gus Van Sant mit Gerry aus dem Jahre 2002 mit geradezu unerhörter Langsamkeit zelebriert werden.
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