Geronimo

Geronimo

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Na wer sagt denn, dass Musicals immer so lahm sein müssen? Geronimo ist West Side Story, adaptiert für das Jahr 2014 und so wunderbar frisch und mutig in seiner Herangehensweise, dass es wirklich unfassbar Spaß macht diesen Film zu gucken. Die ersten Bilder des Filmes zeigen eine junge Frau im Brautkleid. Sie läuft davon, voller Angst und blickt sich immer wieder um. Ein Schnitt zu einem jungen Mann auf dem Motorrad. Er fährt wie besessen durch die Straßen. Verfolgt er das Mädchen? Ist er es, der ihr Angst macht? Man weiß es nicht, bis beide aufeinandertreffen. Und sich küssen, als hinge ihr Leben davon ab die Lippen des anderen nie wieder loszulassen.
Nil (Nailia Harzoune) ist gerade einmal 16 und sollte heute ihre arrangierte Ehe antreten. Doch sie liebt Lucky (David Murgia) und versteckt sich mit ihm. Diese Liebe — ganz Romeo und Julia oder eben West Side Story — bringt großes Unglück über die beiden Immigrantenfamilien, die sich in Südfrankreich niedergelassen haben: die türkischen Terzis versus die spanischen Molinas heißt es ab jetzt. Und so werden aus ein paar Drohungen bald ein paar Handgreiflichkeiten aus denen dann mehr und mehr eine Katastrophe zu werden scheint. Zwischen den Familien stehen die beiden Liebenden. Aber sie sind nicht ganz allein, denn da steht auch noch Geronimo (Celine Sallette). Die junge Frau ist eine Art Sozialarbeiterin, die dafür sorgt, dass die Jugendlichen vor Ort nicht in allzu viele Schwierigkeiten geraten — ein Job, der sich als fast unmöglich herausstellt. Doch Geronimo ist cool und hat bei den Kids eine gehörige Portion Street Credibility. Sie vermag es Dinge zu beruhigen oder zu bewegen, ein aufreibender Job, der ihr aber wichtig ist. Denn Geronimo war selbst mal so ein Straßenkind und hat sogar einige Zeit im Jugendknast verbracht. In der veworrenen und sich immer weiter verfestigenden Situation des Terzi/Molina Debakels versucht sie zu vermitteln. Und sie macht sich auf die Suche nach dem Pärchen, denn klar ist eins: sollten die Terzis sie finden, wäre das ihr Ende.

Geronimo ist von der ersten Minute ein Film, der wie ein hyperaktiver Jugendlicher funktioniert. Alles ist schnell und emotional, es geht drunter und drüber, hin und her. Die ganze Welt ist voller überbordender Passion. Wenn sich die Liebenden am Anfang begegnen, müssen sie sich immer wieder gegenseitig anschreien um ihre Leidenschaft irgendwie im Zaum zu halten. Die "ich liebe dichs", die die beiden austauschen, sind schon fast eine Art Notwehr, ein Ventil nicht zu ertrinken in dieser jugendlichen ersten Liebe. Gleiches gilt für die Verzweiflung und den wachsenden Hass zwischen den Familien. Alles in Geronimo ist groß und viel und droht die Protagonisten — nein die ganze Welt — mit sich zu reißen. Und so fühlt es sich auch völlig natürlich an, dass manche Szenen plötzlich in Gesang und Tanz übergehen. Vor allem die Musicalkomponenten sind es, die diesem Film eine unglaubliche Stärke geben und ihn zu einem Werk machen, das es wie kaum ein anderes vermag die kontemporäre Jugendkultur — HipHop inklusive— einzufangen und filmisch wiederzugeben. Wäre es nicht so ein klischeehafter Ausdruck, würde ich sagen: Geronimo ist der frischeste Film über die Jugendkultur, den ich seit langem gesehen habe. Die dem ganzen unterliegenden melancholischen Momente, die hier und da auch Kontemplation ermöglichen, konterkarieren diese "Frische" perfekt.

Geronimo

Südfrankreich. In der Augusthitze versucht die Sozialarbeiterin Geronimo die Spannungen, die zwischen den Jugendlichen im Viertel St. Pierre herrschen, unter Kontrolle zu behalten. Als aber Terzi, eine junge Frau türkischer Herkunft kurz vor ihrer Zwangsheirat, mit ihrem Sinti-Liebhaber Lucky Molina flieht, kommt es zu Feindseligkeiten zwischen den zwei Clans.
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