Gergedan Mevsimi - Jahreszeit der Nashörner

Gergedan Mevsimi - Jahreszeit der Nashörner

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auf der Suche nach verlorener Zeit und Heimat

Beinahe 30 Jahre lang war der Schriftsteller Sahnel Farzan (Behrouz Vossoughi) wegen angeblichen Landesverrates in seiner Heimat, dem Iran, inhaftiert – und der einzige, freilich vorgeschobene Grund für diese barbarische Strafe war ein kleines Büchlein, das zudem vollkommen frei von jeglichen politischen Intentionen war. In Wahrheit steckte die falsche Anschuldigung eines Bediensteten (Yilmaz Erdogan), der sich in Mina, die Frau Sahnels (Monica Bellucci) verliebt hatte, hinter der Anklage. Dann wird der Autor eines Tages entlassen, einfach so, nach einer Ewigkeit. Gebrochen und verbittert macht er sich auf die Suche nach seiner Frau, die mit den beiden Kindern aus dem Iran nach Istanbul geflohen ist, nachdem sie ebenfalls eine langjährige Haftstrafe verbüßen musste. Nach der Entlassung erklärten ihr die Behörden, dass ihr Mann in der Haft verstorben sei, woraufhin sie keinen Grund mehr sah, im Iran zu bleiben. In der Zwischenzeit hat sie den Antrag des Mannes angenommen, der ihren Mann einst mit seiner falschen Anschuldigung ins Gefängnis brachte. Dann steht plötzlich ihr tot geglaubter Mann vor ihr – ein Schock. Denn wie soll es eine Normalität geben für einen Mann, für eine Familie, die alles verloren zu haben glaubt? Hat eine Liebe, die so jäh und so brutal auseinandergerissen wurde, überhaupt nach so langer Zeit noch eine Chance? Und ist das Arrangieren mit dem unausweichlichen Schicksal, selbst wenn es auf falschen Informationen beruht, überhaupt rückgängig zu machen?
Beachtlich ist Gergedan Mevsimi nicht nur wegen der überaus emotionalen Geschichte, die er erzählt und wegen der visuellen Kraft zur ungeheuren Symbolfülle, mit der Ghobadi diesen Film ausgestattet hat, sondern auch wegen der Parallelen zwischen Fiktion und Realität, aus denen sich das Werk speist. Der Schauspieler Behrouz Vossoughi beispielsweise, der den Poeten Sahnel verkörpert, floh aus dem Iran in die USA und war seit mehr als 30 Jahren nicht mehr auf der großen Leinwand zu sehen. Und Bahman Ghobadi (Schildkröten können fliegen) ist ebenfalls ein Exilant, seitdem er seiner Heimat Iran den Rücken kehrte, nachdem ihm die Regierung zu verstehen gab, er sei aufgrund seiner Filme nicht mehr im Lande erwünscht. Seitdem lebt er in Istanbul, Toronto, New York und Erbil im Norden des Irak und sieht sich dennoch immer wieder unliebsamen Begegnungen mit den iranischen Autoritäten ausgesetzt. So wurde beispielsweise im Winter 2012 sein chronisch kranker Bruder Behrouz, der ebenfalls beim Film arbeitet, von iranischen Sicherheitsbehörden festgenommen und unter fadenscheinigen Vorwürfen festgehalten.

Zudem beruht der Film nicht nur auf den Erfahrungen dieser beiden Beteiligten, sondern knüpft auch ganz direkt an persönlich Erlebtes und Durchlittenes an: Die Geschichte ist die eines engen Freundes des Regisseurs – und dementsprechend sanft, fast verträumt und zugleich unübersehbar privat und intim gibt Ghobadi diese Erlebnisse wieder; beinahe so, als sei er es seinem Freund schuldig, die ganze Wahrheit zu erzählen und diese Wahrheit dann doch durch visuelle Poesie und tröstliches Licht abzumildern, ohne der Geschichte etwas von ihrer Kraft zu nehmen.

Gergedan Mevsimi - Jahreszeit der Nashörner

Beinahe 30 Jahre lang war der Schriftsteller Sahnel Farzan (Behrouz Vossoughi) wegen angeblichen Landesverrates in seiner Heimat, dem Iran, inhaftiert – und der einzige, freilich vorgeschobene Grund für diese barbarische Strafe war ein kleines Büchlein, das zudem vollkommen frei von jeglichen politischen Intentionen war. In Wahrheit steckte die falsche Anschuldigung eines Bediensteten (Yilmaz Erdogan), der sich in Mina, die Frau Sahnels (Monica Bellucci) verliebt hatte, hinter der Anklage.
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