Gerdas Schweigen

Gerdas Schweigen

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Zwischen Neugier und Respekt

Manchmal glaubt man, über den Holocaust sei alles gesagt. Aber das ist ein Irrtum. Es gibt noch immer Geschichten, die nicht erzählt wurden, wie Britta Wauers berührender Dokumentarfilm beweist.
Sich dem Schicksal einer Auschwitz-Überlebenden zu stellen, ist bei allem Schrecken, bei aller Wut und Trauer ein lohnenswertes Unterfangen. Denn dieser Film lässt die unglaubliche Kraft und die große Würde spüren, mit der eine Frau ihr Leben meistert, die Unvorstellbares erlebt hat.

Gerda ist Jüdin. Sie wächst im Berlin der Nazi-Zeit auf. Oft verbringt sie ihre Zeit bei den Elstersmanns, einer Nachbarsfamilie, die schon seit zwei Generationen befreundet sind. Trotz allem, was die Deutschen Gerdas Familie angetan haben, kommt "Tante" Gerda, die nach dem Krieg nach New York zog, 1967 zu Besuch nach Ost-Berlin. Knut Elstermann, der Sohn von Gerdas Freundin, ist begeistert. Eine Tante aus Amerika, das ist eine Sensation. Und in diesem Überschwang begeht Knut einen folgenschweren Fehler. Der Jugendliche stellt genau die Frage, die er, wie ihm die Mutter eingeschärft hatte, nicht hätte stellen dürfen. Die Reaktion ist ein derart irritierendes und peinliches Schweigen, dass Knut es nie vergessen hat.

Knapp 30 Jahre später: Knut reist nach New York. Er möchte ein Buch über Gerda schreiben. Der 47-Jährige ist Journalist geworden, er arbeitet als Radiomoderator und Filmkritiker, gelegentlich tritt er, wie in Andreas Dresens Halbe Treppe, auch mal selber in Filmen auf. Knut Elstermann ist sich also bewusst, wie sehr sich privates und berufliches Interesse mischen, wie wenig er ausblenden darf, dass er irgendwo auch auf der Suche nach einer "Story" ist. Das macht das Ganze komplizierter als es ohnehin schon ist. Denn die Holocaust-Überlebende freut sich zwar sehr, ihn wieder zu sehen. Aber eigentlich möchte sie Knuts Frage von 1967 noch immer nicht beantworten.

Trotzdem oder vielleicht genau deswegen geht die Arbeit der jungen Dokumentarfilmerin Britta Wauer so unter die Haut: weil sie diesen schwierigen Prozess zwischen "Tante" und "Neffen" in ihren Bildern einfängt. Weil sie sichtbar macht, dass das, was Gerda (nicht) erzählen möchte, in ihrem Kopf höchstens als fragmentarisches Puzzle vorliegt, das darauf wartet, zusammengefügt zu werden. Und weil sie sinnlich erlebbar macht, wie überlebenswichtig das Verdrängen und wie schmerzhaft das Erinnern sein kann. Wobei sie die Qualen gerade nicht in Tränen ertränkt, sondern höchst respektvoll in leisen Details aufscheinen lässt.

Worüber Gerda schweigt, das sollte der Kinobesucher keinesfalls vorher wissen. Denn es ist die große Stärke von Gerdas Schweigen, den Zuschauer die Arbeit der Erinnerung miterleben zu lassen. Und ihn in all die Widersprüche, aber auch in all die schönen Momente und all die schier unglaublichen Zufälle zu verwickeln, die das Leben für Gerda bereithielt. Ob es gut war, 60 Jahre lang zu schweigen, oder ob dies ein großer Fehler war – darauf gibt der Film mit gutem Grund keine Antwort. Denn beides ist richtig. Das mag nach den Gesetzen des Verstandes unmöglich sein. Aber ein guter Film ist keine Frage der Logik. Sondern des Lebens.

Gerdas Schweigen

Manchmal glaubt man, über den Holocaust sei alles gesagt. Aber das ist ein Irrtum. Es gibt noch immer Geschichten, die nicht erzählt wurden, wie Britta Wauers berührender Dokumentarfilm beweist.
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Meinungen
Frank · 08.04.2009

Ein mutreißender und packender Film, der das gradezu absurde Schicksal einer starken Frau überzeugend darstellt

peter aus göppingen · 16.01.2009

Das Buch ist Klasse: fesselnd!!

Den Film dagegen muss man(wer das buch gelesen hat!) nicht unbedingt gesehen haben.
Dokus im TV sind um einiges besser.

mayavonderspree · 19.11.2008

Ein wirklich guter Film, der ein wahnwitziges Einzelschicksal einer faszinierenden Frau behandelt, deren Charme, Witz und Lebensmut trotz grausamster und traumatischer Erlebnisse ungebrochen ist. Die Story von Gerdas Verfolgung, Inhaftierung und auch ihres Umgangs mit der Erinnerung reicht für drei Romane und ich werde sie hier nicht rekapitulieren, das macht der Film ja ganz hervorragend. Diese Frau hatte sich vorgenommen den Auschwitz-Teil ihrer Lebensgeschichte mit ins Grab zu nehmen, wie das Hautstück mit der tätowierten Häftlingsnummer, das sie sich entfernen lassen aber nicht weggewofen hat. Dem neugierigen Elstermann, bei dessen Verwandtschaft Gerda quasi aufgewachsen war, ist es zu verdanken, dass Gerda ihr Schweigen doch gebrochen hat - ein Glück, denn ihr Reden ist oral history at its best.

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