Geraubte Küsse

Geraubte Küsse

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Antoine Doinel zum Dritten

Als dieser junge Mann, der dem Publikum François Truffauts bereits bekannt ist, seine Freundin Christine Darbon (Claude Jade) in den Keller ihrer Eltern (Claire Duhamel, Daniel Ceccaldi) begleitet, um eine Flasche Wein für das Abendessen heraufzuholen, raubt er sich erst einen sanften, dann einen heftigen Kuss von ihr, aber es wird noch eine Weile dauern, bis diese beiden wahrhaft zueinander finden. Doch mit Geraubte Küsse (1968) ist Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) zurück auf der Leinwand, der zunächst kindliche (Sie küssten und sie schlugen ihn / Les quatre cents coups, 1959) und später jugendliche Held (Antoine und Colette / Antoine et Colette, 1962) aus François Truffauts Antoine-Doinel-Zyklus nunmehr als junger Mann, der im Begriff ist, sich seinen ganz eigenen Platz im sozialen und beruflichen Umfeld zu erobern.
Nicht gerade mit Ruhm bekleckert freiwillig frühzeitig aus dem Militärdienst entlassen hastet der junge Antoine Doinel in das erstbeste Bordell, mit eindeutiger Absicht. Auch hier läuft nicht alles reibungslos für den ungestümen, im Grunde recht schüchternen Mann, doch als er anschließend das Elternhaus seiner Freundin Christine aufsucht, die gerade mit Freunden beim Wintersport weilt, wird er von ihrer Mutter und ihrem Vater sehr herzlich willkommen geheißen, die ihm gleich einen Job als Nachtportier vermitteln können. Dort besucht ihn Christine nach ihrer Rückkehr, und ganz zaghaft nähern sich die beiden wieder an, die sich schon eine ganze Weile in seiner Abwesenheit nicht mehr geschrieben haben. Doch zunächst stürzt sich Antoine noch in eine schwärmerische, distanzierte Leidenschaft für die mondäne Madame Tabard (Delphine Seyring), die er im Rahmen seines zweiten Jobs als Detektiv beim verdeckten Einsatz im Schuhgeschäft ihres Mannes Georges (Michael Lonsdale) kennen lernt. Erst sein dritter Job als Fernsehtechniker bringt ihn wieder in Kontakt mit Christine, nachdem sie sich durch geradezu alberne Streitereien entzweit hatten. Und dieses Mal sind beide bereit, sich ihrem Begehren hinzugeben und sich darüber hinaus auch dauerhaft zu binden.

Erscheint dieser Antoine Doinel auch einerseits persönlich wie in beruflicher Hinsicht im Verlauf dieser humorigen Geschichte zusehends erfahrener, kann von Reife seines unsteten, harmlos-schrägen Charakters noch längst nicht die Rede sein, wie auch die beiden folgenden Filme des Antoine-Doinel-Zyklus, Tisch und Bett / Domicile conjugal (1970) und Liebe auf der Flucht / L’amour en fuite (1979), zeigen werden. Seinerzeit für einen Oscar nominiert sowie mit Preisen der französischen und US-amerikanischen Filmkritik ausgezeichnet stellt Geraubte Küsse eine oftmals schwerelos anmutende, mit zahlreichen filigranen wie signifikanten Details ausgestattete Komödie dar, die von einer sanft an die massiven Unsicherheiten der menschlichen Existenz gemahnenden Melancholie begleitet wird.

Die Einführung des Truffaut-Biographen Serge Toubiana, die unter den Extras der DVD zu finden ist, berichtet auch von den Bedingungen der Dreharbeiten, während welcher der Regisseur gerade zwischen der Arbeit am Film und seinem Engagement für Henri Langlois, dem Mitbegründer und Leiter der Cinémathèque française, oszillierte. Dieser wurde damals vom französischen Kulturminister André Malraux angegriffen, der seine Entlassung anvisierte, und während dieses Konflikts um Macht und Subventionen wurde das Pariser Filminstitut sogar für eine Weile geschlossen. Ebenfalls als Bonus auf der DVD erscheint ein kurzer Spot von François Truffaut und Jean-Luc Godard zur Unterstützung Henri Langlois’, und wer genau aufpasst, erkennt auch bei Geraubte Küsse jenseits der Widmung für den Leiter der Cinémathèque française Anspielungen auf jene Begebenheiten.

Neben reizenden Banalitäten und kleinen Kuriositäten innerhalb der pfiffig gestalteten Dramaturgie setzt François Truffaut auch punktuelle, sehr ernsthaft daherkommende Hintergründigkeiten als konträre Komponenten zum komödiantischen Stil ein, etwa wenn Delphine Seyring als Madame Tabard eine tiefsinnige Anekdote zum Unterschied von Höflichkeit und Takt erzählt, oder wenn der geheimnisvolle Unbekannte (Serge Rousseau), der Christine verfolgt, von seiner absoluten, idealisierten Liebe zu ihr spricht. Diese Kombination von unterschiedlichen Stimmungen und Dimensionen repräsentiert großartige und gleichermaßen amüsante französische Filmkunst, deren markante Bilder auf eigentümliche Art und Weise berühren.

Geraubte Küsse

Als dieser junge Mann, der dem Publikum François Truffauts bereits bekannt ist, seine Freundin Christine Darbon (Claude Jade) in den Keller ihrer Eltern (Claire Duhamel, Daniel Ceccaldi) begleitet, um eine Flasche Wein für das Abendessen heraufzuholen, raubt er sich erst einen sanften, dann einen heftigen Kuss von ihr, aber es wird noch eine Weile dauern, bis diese beiden wahrhaft zueinander finden.
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