Genesis 2.0 (2018)

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Die wissenschaftlichen Fortschritte auf dem Gebiet der Genetik und Molekularbiologie befähigen den Menschen zunehmend, maßgeschneiderte Lebewesen zu erschaffen. Ist es Hybris, ausgestorbene Arten wie das Mammut wieder auferstehen lassen zu wollen?

Genesis 2.0 (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Die Zelle, das Mammut, die menschliche Hybris

Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Mensch das vor rund 4000 Jahren ausgestorbene Mammut wieder zum Leben erweckt. Davon zeigen sich verschiedene Forscher in diesem Dokumentarfilm des Schweizers Christian Frei (War Photographer, The Giant Buddhas) überzeugt. In der Molekularbiologie und Gentechnik herrscht sowieso weltweit Goldgräberstimmung. Wissenschaftler schnippeln an Gensequenzen, experimentieren mit veränderten Zellen und formen gewünschte Organismen nach dem Baukastenprinzip.

Der Natur die Kontrolle über die Schöpfung so radikal zu entziehen, ist eine neue Form menschlicher Hybris. Freis Film setzt sich auf zweierlei Weise mit ihr auseinander. Er begleitet zum einen jakutische Männer, die im Sommer auf die unbewohnten Neusibirischen Inseln im Arktischen Meer fahren, um Stoßzähne von Mammuts zu suchen. Für die begehrten Riesenbögen aus Elfenbein zahlen chinesische Händler viel Geld, vor allem, wenn sie gut erhalten sind. Peter Grigoriev stieß 2013 auf der Suche nach Stoßzähnen auf einen sensationellen Fund, über den die Medien weltweit berichteten: ein 28.000 Jahre alter Mammutkadaver, an dem noch Muskelfleisch und Blut vorhanden war. Sein Bruder, der Wissenschaftler Semyon Grigoriev, ließ das Tier abtransportieren und hofft seither, in dem Material eine einzige lebende Zelle zu finden. Eine solche könnte der entkernten Eizelle eines Elefanten eingepflanzt werden – und der erste Mammutklon würde vielleicht gedeihen.

Der Film begleitet Semyon Grigoriev nach Südkorea, zum Unternehmen von Hwang Woo-suk. Der 2006 als Fälscher in Ungnade gefallene Stammzellforscher widmet sich jetzt dem finanziell einträglichen Klonen von Hunden – könnte aber nach dem gleichen Prinzip wohl auch Mammuts aus einer Zelle entstehen lassen. Die beiden Wissenschaftler besuchen mit Frei auch das Unternehmen BGI in China, das menschliche und andere DNA-Proben in großem Stil sammelt und sogar eine nationale Genbank aufgebaut hat. Frei spricht außerdem in Amerika mit dem amerikanischen Genetiker George Church, der mit dem BGI kooperiert und es für möglich hält, das Mammut auch ohne lebendes Zellmaterial zu erschaffen. Für eine annähernde Nachbildung des Eiszeit-Tieres würde es genügen, Teile seiner Erbgutinformation in Elefantenzellen einzuspeisen.

Außerdem schaut Frei in Boston auf dem „Giant Jamboree“ vorbei, dem Finale eines alljährlichen internationalen Wettbewerbs für Studenten der synthetischen Biologie. Die komplizierte Thematik verlangt nach Erklärungen, aber anstelle eines Kommentars liest Frei aus dem Off Teile der Korrespondenz vor, die er mit seinem in Sibirien drehenden Kameramann und Co-Direktor Maxim Arbugaev führt. Darin sind die reinen Fakten bereits subjektiv zu eigenen Erkenntnisse und Eindrücken verarbeitet. Arbugaev antwortet aus seinem provisorischen Quartier auf der Neusibirischen Insel, beschreibt die Stimmung, die unter den Stoßzahnjägern herrscht. Getrennt von ihren Familien, auf die kleine Gruppe angewiesen, den Gefahren ausgesetzt – einmal nähern sich Eisbären der Hütte –, hoffen sie auf den großen, die Existenz dauerhaft sichernden Elfenbeinfund. Ein junger Mann gerät in eine psychische Krise, als er die Ehefrau nicht ans Satellitentelefon bekommt. Hat sie ihn verlassen?

Die Landschaftsaufnahmen auf der Insel sind grandios. Die Männer, die auf dem flachen Grasboden herumstochern, im Schlamm waten, bei jedem Fund zwischen Euphorie und Enttäuschung schwanken, wirken wie Protagonisten in einem surrealen Drama. Hier am Ende der Welt über das eigene Tun und den eigenen Weg ins Zweifeln zu geraten, erscheint beinahe unvermeidlich. Die Brüder Grigoriev erzählen vom Aberglauben, dass das Graben in der Erde und besonders das Berühren toter Mammuts von göttlichen Kräften bestraft werde. Die Männer hier sind sich bewusst, dass sie ihr Schicksal herausfordern.

Dieser sehr attraktive Erzählstrang beliefert den gesamten Film mit der Spannung, Atmosphäre und Emotion, über die die in den modernen Forschungsgebäuden und Labors gedrehten Teile nicht verfügen. Das wird auch der Grund sein, warum Frei immer wieder zu den sibirischen Jägern schneidet. Ihre recht düster inszenierte Sommerexpedition dient dramaturgisch dazu, das Gespenst der menschlichen Hybris an die Wand zu malen, die eigentlich eher auf die Genforscher in ihren urbanen Arbeitsstätten gemünzt ist. Inhaltlich wirkt der Film dennoch nur dürftig zusammengeklebt. Denn die Suche nach Mammut-Überresten und die modernen Gen-Experimente haben nur wenig bis gar nichts miteinander zu tun. Und für eine Debatte über die ethischen Probleme, die die synthetische Biologie und die Zellmanipulationen mit sich bringen, reicht es nicht aus, an ein paar oberflächlichen Laborführungen mit der Kamera teilzunehmen.

Genesis 2.0 (2018)

In ihrem Film begleiten Christian Frei und Maxím Arbugaev die Sammler von Mammutstoßzähnen, die sich Jahr für Jahr auf der abgelegenen Inselgruppe der Neusibirischen Inseln treffen, um dort die Relikte der Vergangenheit aus dem tauenden Permafrostböden zu holen. Und zudem verfolgt der film die Bemühungen von Wissenschaftlern, aus dem so gewonnenen genetischen Material das längst ausgestorbene Wollhaarmammut wieder zum Leben zu erwecken. 

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