Geliebte Clara

Geliebte Clara

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Eine Frau mit Einfluss

Drei geniale Musiker, schicksalhaft verstrickt in guten wie in bösen Tagen – das ist der Stoff, an dem die Regisseurin Helma Sanders-Brahms zwölf Jahre lang gearbeitet hat. Herausgekommen ist eine Hommage an Clara Schumann, eine der bedeutendsten Frauen des 19.Jahrhunderts.
Wer war diese Frau, die mit zehn Jahren ihre ersten Konzerte gab und bereits als Teenager in ganz Europa gefeiert wurde? Eine große Liebende, eine Frau zwischen zwei Männern, eine selbstständige, ungeheuer willensstarke Ernährerin einer kinderreichen Familie. So zeichnet sie Helma Sanders-Brahms in ihrem faktengenauen Historiendrama. Also als eine Frau, die sich in der Männerwelt durchsetzte und gleichzeitig ihre weiblichen Seiten lebte. Kurzum als eine, die vieles vorwegnahm, was erst heute in der Geschlechterfrage aktuell ist.

Die Geschichte setzt ein im Jahr 1850. Wir sehen eine Eisenbahnfahrt, Zeichen der für die damalige Zeit ungeheuren Beschleunigung und Umwälzung. Großaufnahme auf zwei Hände: Sie umfassen sich zärtlich, halten einander fest und müssen sich trotzdem lösen. Auch das ein Zeichen: Zehn Jahre sind Clara und Robert Schumann, die Bahnreisenden, verheiratet. Ihre Ehe hat die beste Zeit hinter sich, aber die Liebe ist geblieben und wird immer bleiben, über Trennung und Tod hinaus.

In Düsseldorf will das Paar einen Neuanfang nach krisenhaften und unruhigen Zeiten starten, ein Zuhause finden und ein festes Auskommen, denn Robert Schumann (Pascal Greggory) tritt eine Stelle als Städtischer Musikdirektor an. Aber der große Komponist ist krank, Syphilis und Depressionen haben ihn gezeichnet. Als Dirigent versagt er kläglich, Clara (Martina Gedeck) muss ihn bei den Orchesterproben vertreten. Aber kurz zuvor ist Johannes Brahms (Malik Zidi) in das Leben der beiden getreten, auch er ein Wunderkind, damals erst 20. Brahms bewundert Robert als Komponisten und verliebt sich in Clara. Beides beruht auf Gegenseitigkeit. Robert ist dem Jüngeren fast homoerotisch zugetan und Clara sagt nicht die ganze Wahrheit, wenn sie den wild-verspielten Jüngling als ihr „ältestes Kind“ bezeichnet. Jedenfalls zieht Brahms bei den Schumanns in Düsseldorf ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Welche tiefen Gefühle diese Dreierbeziehung auslöst, wie sie das Leben für immer verändert – das wird in einer sehr schönen Szene am Klavier deutlich. Brahms spielt eine Komposition von Clara, sie stellt sich dicht neben ihn, dann kommt Robert näher, drängt sich zu den beiden, setzt sich schließlich neben Brahms, spielt mit ihm. Da hat sich Clara bereits eifersüchtig zurückgezogen, betrachtet aus der Distanz die innige Szene, die damit endet, dass Robert den jungen Mann, den er zu seinem Nachfolger auserkoren hat, in den Arm nimmt.

Es gibt viele solcher intensiven Szenen in Geliebte Clara, wo mit wenigen Gesten viel gesagt wird. Schließlich war der Film für Helma Sanders-Brahms (Deutschland bleiche Mutter) auch deshalb eine Herzensangelegenheit, weil sie selbst über einige Ecken mit Johannes Brahms verwandt ist. Aber leider fügt sich nicht alles in diesem Film zu einem harmonischen Ganzen. Manches wirkt überambitioniert. Etwa wenn die Symbole überdeutlich werden, wie bei der ersten Begegnung der drei in einem Konzertsaal, wo Robert mit seinem Ehering spielt und ihn fallen lässt, während Clara just in dem Moment vielsagend zu Brahms blickt, als dieser den Ring aufhebt. Oder die Aussagen kommen doppelt und dreifach, etwa wenn erst mehrfach die Worte von Robert über Brahms zitiert werden, dieser sei „rein wie Schnee und schneidend wie ein Diamant“, um dann eine winterliche Landschaft ins Bild zu setzen.

Dass der Film ein wenig hinter den Erwartungen zurückbleibt, hängt wohl auch mit der kurzfristigen Umbesetzung der Hauptrollen zusammen. Helma Sanders-Brahms wollte ursprünglich mit Isabelle Huppert und Ulrich Tukur drehen. So hatte Martina Gedeck, als sie nach der Absage von Huppert die Rolle annahm, lediglich vier Wochen Zeit bis Drehbeginn. Gewiss, Martina Gedeck hat schon oft bewiesen, dass sie eine starke Frau spielen kann, die gleichzeitig Gefühl zeigt. Insofern funktioniert das auch hier. Aber manchmal fragt man sich schon, ob diese Fragezeichen in ihrem Gesicht, dieses vieldeutige Heben der Augenbraue, eher zur Figur Clara Schumann oder eher zu Martina Gedeck gehören.

Trotzdem: Unterm Strich ist Helma-Sanders-Brahms ein beeindruckendes Frauenportrait gelungen. Und die Skizze einer Dreierbeziehung, die auch deshalb so einzigartig ist, weil sie sich in letzter Konsequenz nur durch die Musik erschließt. Ihre Werke haben nicht nur die drei Komponisten, sondern auch ihre Liebe unsterblich gemacht.

Geliebte Clara

Drei geniale Musiker, schicksalhaft verstrickt in guten wie in bösen Tagen – das ist der Stoff, an dem die Regisseurin Helma Sanders-Brahms zwölf Jahre lang gearbeitet hat. Herausgekommen ist eine Hommage an Clara Schumann, eine der bedeutendsten Frauen des 19.Jahrhunderts.
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Meinungen
· 22.01.2009

Grottenschlecht und nicht mal vernünftig recherchiert. So heißt es im Film "Einsam, aber frei". In Wirklichkeit haben Schumann, Brahms und einer dritter, heute vergessener Komponist, die FAE-Sonate geschrieben, die auf das Motto des Konzertmeisters Kreisler aus dem "Kater Murr" zurückgeht: "Frei, aber einsam". Ein weiteres Detail: Als Clara das Orchester erstmals dirigiert, mahnt sie falsche Töne in den Hörnern an, im Orchester sind aber keine Hörner zu sehen. Dutzendweise weiterer solcher lächerlichen Fehler! Insgesamt aber krankt der Film daran, dass er das Genie-Bild des 19. Jahrhunderts transportiert, ohne auf die eigentliche Leistung der Personen und deren Persönlichkeit einzugehen. Ein solcher Unfug sollte eigentlich seit 1960 nicht mehr möglich sein. Gelinde gesagt: Schwachsinn.

· 14.12.2008

Die erste Hälfte hat mir - vielleicht aufgrund meiner Skepsis, ob alles tatsächlich so war, wie es hier erzählt wird - nicht so gut gefallen, ich habe mich auch etwas gelangweilt, ehrlich gesagt. Nachher schien alles zeitgemäßer, fundierter - und letztlich hat die Musik zum Glück das letzte Wort. Eindrucksvoll.

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