Geheimnis eines Lebens (2018)

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Einer unbescholtenen englischen Rentnerin wird im Jahr 2000 plötzlich vorgeworfen, in den 1940ern für die Sowjetunion spioniert zu haben. Hat sie die Sowjets in die britische Atombombentechnologie eingeweiht? Und wenn ja, was kann ihr Motiv gewesen sein, wenn nicht der Kommunismus oder die Liebe?

Geheimnis eines Lebens (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Die späte Enttarnung einer Spionin

Joan Stanley (Judi Dench) gärtnert im Jahr 2000 vor ihrem Häuschen in einem Londoner Vorort, als sie wegen des Verdachts der Spionage festgenommen wird. Ihr Sohn, der Rechtsanwalt Nick (Ben Miles), ist empört, dass man der über 80-jährigen Dame eine elektronische Fußfessel anlegt. Er begleitet seine Mutter zu den Verhören und fällt dabei eines Tages aus allen Wolken. Joan soll in den 1940er Jahren die Sowjetunion über die Ergebnisse der streng geheimen britischen Atombombenforschung informiert haben. Je mehr sich Joan im Gespräch in die damalige Zeit vertieft, desto stärker erhärtet sich der gegen sie erhobene Vorwurf des Hochverrats.

Das Spionagedrama des auch für seine Theater-, Musical- und Operninszenierungen berühmten britischen Regisseurs Trevor Nunn (Was ihr wollt) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jennie Rooney. Die fiktionale Geschichte der jungen Joan Stanley (Sophie Cookson), die 1938 in Cambridge Physik studiert und 1941 eine Assistentenstelle beim geheimen Forschungsprojekt Tube Alloys bekommt, ist inspiriert von realen Ereignissen. Die Sekretärin Melita Norwood, eine überzeugte Kommunistin, hatte den Sowjets Details über den Bau der britischen Atombombe übermittelt, die sie in die Lage versetzten, die Technologie selbst zu verwenden. Außerdem gab es zur damaligen Zeit auch den Spionagering der Cambridge Five, der für die Sowjetunion arbeitete.

Joan ist jedoch keine eingefleischte Kommunistin, ihre Motivlage erweist sich als kompliziert und im Verhör schwer zu entschlüsseln. Judi Dench verleiht der alten Joan einen Anflug von Resignation, als sie erkennt, dass ihre Befrager so wenig Ahnung davon haben, welcher Geist damals in Cambridge herrschte. Und sie erinnert sich gar nicht so gerne, wie nahe Glück und Leid in ihren jungen Jahren beieinanderlagen. Praktisch gegen den Widerstand der Ermittler vertieft sie sich gründlich in ihre emotionalen Erinnerungen, um auch für sich selbst die Gründe für ihr Handeln herauszufinden. Judi Dench lässt Joan bewegend zwischen Aufgewühltsein und Erschöpfung oszillieren. Ihr Charakter muss sich auch der aufreibenden Konfrontation mit dem eigenen Sohn stellen. Kann sie ihn, sozusagen stellvertretend für die ganze britische Öffentlichkeit, davon überzeugen, dass sie nur das Beste wollte?

Weitaus länger als bei den Szenen dieser wiederkehrenden Rahmenhandlung verweilt das Drama bei der jungen Joan. 1938 lernt sie in Cambridge die schillernde, aus Russland stammende Studentin Sonya (Tereza Sbrová) und deren Cousin Leo (Tom Hughes) kennen. Die beiden führen die brave Joan in ihren kommunistischen Zirkel ein und sie verliebt sich in Leo. Sie haben ein Verhältnis, er kommt und geht, taucht nach ihrem Studienabschluss wieder auf und will, dass sie für die Sowjetunion spioniert. Als persönliche Assistentin des Tube-Alloys-Projektleiters Max Davis (Stephen Campbell Moore) erstellt und sortiert sie hauptsächlich die Unterlagen, die die Entwicklung der Atombombe dokumentieren.

Die Faszination der jungen Joan für das Studentenleben in Cambridge und besonders für die beiden weltgewandten russischen Kommilitonen, die in Deutschland lebten und sich vor Hitler gerade noch nach England retten konnten, wird von Sophie Cookson hervorragend gespielt. Joan steht bald zwischen zwei Männern, dem undurchschaubaren Leo und dem unglücklich verheirateten Max. Es quält sie, dass sie nicht weiß, was sie Leo wirklich bedeutet und ob er sie nur ausnutzen will. Die Filmmusik von George Fenton betont mit ihrer Schwere den melodramatischen Charakter der Geschichte.

Nicht nur die Kostüme und die Ausstattung verwandeln die Handlung in ein überzeugendes Period Piece. Trevor Nunn und seine Drehbuchautorin Lindsay Shapero verweisen wiederholt auf den prüden Sexismus jener Epoche, der selbst einer Wissenschaftlerin entgegenschlug. Männer fragen sie schon mal, ob sie im Kreis der Forscher für den Tee zuständig sei und betrachten sie lediglich als Sekretärin von Max. Frauen sind das schwache Geschlecht und alles Weibliche ist für Männer tabuisiert. Wenn ein Polizist bei einer Taschenkontrolle auf eine Packung Damenbinden stößt, entschuldigt er sich sofort und bricht die Durchsuchung ab.

Zur Epoche, wie sie der Film erinnert, gehört auch der schleichende Beginn des Kalten Krieges. Schon während des Zweiten Weltkriegs zeigen die Alliierten bald wenig Neigung, ihre jeweiligen Ergebnisse in der Atombombenforschung miteinander zu teilen. Besonders Stalins Sowjetunion soll außen vor bleiben. Joan ist keine Mitläuferin, sondern eine Frau, die sich eine eigene Überzeugung bildet. Sie handelt praktisch ihrer Zeit voraus. Das Drama wirkt zwar insgesamt ziemlich bieder und zurückhaltend inszeniert, aber es führt auf faszinierende Weise vor Augen, wie sich eine Gesellschaft irrt und auch, was sie versäumt, wenn sie Frauen unterschätzt.

Geheimnis eines Lebens (2018)

Joan Stanley ist eine entzückende englische Lady, die in einem pittoresken Bilderbuchdorf irgendwo in England lebt und sich eines ruhigen Lebensabends erfreut — bis sie eines Tages vom MI5 festgenommen wird. Denn wie sich nun herausstelt, war sie einstmals die erfolgreichste sowjetische Spionin auf englischem Boden.
Trevor Nunns Film basiert auf  der wahren Geschichte der Sowjet-Agentin Melitta Norwood.

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