Gegen den Strom (2018)

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"Von Pferden und Menschen" brachte dem isländischen Regisseur Benedikt Erlingsson allerhand internationale Aufmerksamkeit – ein Überraschungserfolg, ein Kultfilm, ein Werk, dass die Erwartungen an den zweiten Film umso höher schraubt. Wie begegnet "Gegen den Strom" diesen Erwartungen?

Gegen den Strom (2018)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Eine Frau gegen den Kapitalismus

Eine Ende 40-jährige Frau geht durch die isländische Landschaft, eigentlich sieht alles gewohnt schroff, atemberaubend und faszinierend aus. Sie könnte eine Wanderin sein – oder eine derjenigen Frauen, die den Weg zurück zur Natur suchen. Dann hält sie an einem Strommast und legt los: Mit einer Säge und Pfeil und Bogen sabotiert sie routiniert und konzentriert diesen Mast und damit die Stromversorgung.

Halla ist eine geheime Öko-Guerilla-Aktivistin, die gegen die Energiekonzerne kämpft, die das Land ausbeuten wollen. Sie ist überzeugt, dass die Politik einen Ausverkauf der Natur betreibt, indem immer mehr multinationale Konzerne nach Island kommen, um mit den natürlichen Ressourcen Gewinn zu machen. Es sind selbstlose Aktionen, die aber gefährlich sind – glücklicherweise bekommt Halla zweimal die Hilfe eines Mannes, der möglicherweise ihr Cousin ist – und die die Öffentlichkeit und Polizei zunehmend in Aufruhr bringen. Doch Halla ist lange Zeit sicher: Die öffentliche Meinung ist zunächst durchaus auf ihrer Seite. Vor allem aber würde niemand vermuten, dass eine mittelalte Frau hinter diesen Taten steckt, solange es einen männlichen, spanisch sprechenden Touristen gibt, der alleine aufgrund seines Aussehens verdächtig erscheint.

Das erste Drittel von Gegen den Strom ist prägnant und ein bitterböser Kommentar auf eine Zeit und Gesellschaft, in der der Ausverkauf der Natur an den Kapitalismus mit der ewig gleichen Mär von Schaffung und Erhalt von Arbeitsplätzen betrieben wird. Dabei bewegt sich Benedikt Erlingsson durchaus gekonnt auf einem schmalen Grat beispielsweise bei dem Verweis auf racial profiling. Ohne dass es ausgesprochen wird, ist klar, warum der Tourist angehalten wird – und dennoch dreht Erlingsson diese Vorfälle durch ihre Häufung und Zufälligkeit derart ins Absurde, dass die Komik die Bitterkeit entlarvt. 

Im Zentrum steht Halla, eine Frau, die es satt hat, nur noch zuzusehen und dagegen vorgeht. Woman at War ist der englische Titel des Films – und man würde sich wünschen, mehr von diesem Krieg zu sehen. Doch dann flattert ein Brief in Hallas Haus: Vor einigen Jahren hat sie einen Antrag auf Adoption eines ukrainischen Waisenkindes gestellt, den sie fast vergessen hatte. Nun wurde er genehmigt – und Halla kann Mutter sein. Damit scheinen ihre Wut, ihr Feldzug gegen die Umweltzerstörung nur eine Ersatzbefriedigung zu sein, ein Surrogat für eine nicht stattgefundene Mutterschaft. Der Kampf für Mutter Erde statt Mutter eines Kindes – doch nun kann sie letzteres sein und muss ersteren dafür aufgeben. Denn keinesfalls kann sie die Adoption in Gefahr bringen, indem sie verdächtig wird hinter der Zerstörung der Strommasten zu stehen. 

Das ist eine Entwicklung, die zunächst ein wenig frustriert: wieder einmal ist Mutterschaft die entscheidende Triebfeder für das Handeln einer Frau. Aber immerhin bewegt sich Gegen den Strom nun nicht weiter auf ausgetretenen Pfaden, auf denen Halla glücklich Haus und Heim errichtet. Vielmehr nimmt der Film die Konsequenzen ernst, die Hallas Handelns hat: die Polizei kommt der Wahrheit und damit Halla immer näher, außerdem ändert sich auch die öffentliche Stimmung. Dadurch entsteht Spannung, außerdem flicht Erlingsson allerhand komische, eigenartige, verrückte Einfälle ein: Halla hat eine Zwillingsschwester, die in einen indischen Ashram ziehen will, außerdem gibt es immer wieder Auftritte von Musikern – Tuba-, Akkordeon- und Schlagzeugtrio oder eine Gesangsgruppe, die folkloristische Musiken spielen. Diese Momente irritieren und verhindern bisweilen, dass der Film allzu melodramatisch wird. Bisweilen fühlt man sich gar an Roy Andersson erinnert. Aber manchmal wirken sie auch zu gewollt. 

Am Ende soll dann mit Halla auch das Publikum erkennen, dass Mutterschaft und Umweltkampagnen kein Widerspruch sein müssen. Und es ist vor allem Halldóra Geirharðsdóttir in der Hauptrolle zu verdanken, dass man dem Weg dieser Frau trotz einiger holpriger Drehbuchentscheidungen bis zum Ende folgt. Sie vermag den beiden Seiten von Halla Ausdruck zu verleihen, der zielstrebigen, mutigen Aktivistin wie der warmherzigen, hilfsbereiten Chorleiterin. Dazu kommen fantastische Landschaftsaufnahmen und ein Humor, der im Kino als „typisch isländisch“ konnotiert ist. In Erinnerung wird von Gegen den Strom aber vor allem der großartige Beginn bleiben.

Gegen den Strom (2018)

Weil die Aluminiumindustrie die Landschaft verschandelt, sagt Halla, eine isländische Frau in ihren Fünfzigern, diesem Wirtschaftszweig den Kampf an. Doch ihr unermüdlicher Kampf gegen die Umweltzerstörung nimmt eine Wendung, als ein Waisenkind in ihr Leben tritt. 

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Meinungen
Tom Orden · 11.12.2018

Klingt nach einem guten Film. Ich kann diese Großkonzerne auch nicht leiden :-)
Interessant finde ich es immer, wenn eine einzelne Person oder eine kleine Gruppe von Leuten gegen einen übermächtigen Feind antritt. Zuletzt habe ich das in "Kaiserfront Extra: Partisanenkampf in Rumänien" gelesen :-)
Freue mich auf den Film.

Phil · 08.12.2018

Ein großartiger Film. Auch wegen der fantastischen Musik.

Hubert · 30.10.2018

Eine tolle Verbindung aus Umweltaktivität, wunderbaren Landschaftsaufnahmen, total spannend und berührend. Mir hat er sehr gut gefallen.

Kommentare

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