Furusato - Wunde Heimat

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Wie lebt man in einem verseuchten Gebiet? Wahrscheinlich nicht so gut, denkt man sich. Die Behörden versuchen jedoch, anderes zu beweisen. Die Dokumentation "Furusato – Wunde Heimat" zeigt die verblüffenden Auswirkungen der Atomkatastrophe von Fukushima.

Furusato - Wunde Heimat

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Leben auf verseuchtem Boden

Der Film von Thorsten Trimpop beginnt mit einer Aufzeichnung des Erdbebens von Fukushima am 11. März 2011. Was auf dem Computerbild wie ein kleines buntes Feuerwerk aussieht, hat für die Menschen, die um Fukushima herum leben, eine große Wirkung.

Warum leben die Menschen auch nach der atomaren Verseuchung noch in dieser Gegend – von der sie wissen, dass sie tödliche Folgen haben kann? Dieser Frage spürt der Regisseur auf eindrückliche Weise nach.

Trimpop nimmt die Stadt Minamisōma in den Fokus, eine Stadt, die einst Surfer-Paradies war und seit 2011 geteilt ist zwischen einem Teil, der in der evakuierten 20-Kilometer-Sperrzone liegt und wie eine Geisterstadt wirkt, und dem übrigen Teil, der als bewohnbar gilt. Die Strahlenwerte sind trotzdem hoch, viel zu hoch. Und dennoch leben dort immer noch knapp 57.000 Menschen. Eine staatliche Unterstützung erhalten die wenigsten. Deshalb müssen sie jeweils ihre eigene Entscheidung treffen und abwägen zwischen Eigentum und Heimat auf der einen und Gesundheit und Zukunft auf der anderen Seite.

„Es war immer eine kleine Stadt, die wirklich nichts Reizvolles hat“, sagt Sakura Noda, eine Bewohnerin von Minamisōma. Trotzdem lieben sie und ihr Mann ihre Heimat natürlich und wollen nicht wegziehen. Sie sind sich bewusst darüber, dass genau dieses Fleckchen Erde ihnen nicht guttut, sie krank macht, sie töten kann, und trotzdem können sie ihr Zuhause nicht verlassen. In Japan habe Heimat eine besondere Bedeutung, sie sei dem Menschen heilig, sein furusato. Die Landschaft, in die man geboren werde, trage der Mensch ein Leben lang in sich. Und das ist auch so, wenn ein Reaktor Radioaktivität freisetzt und diese Landschaft zu einem tödlichen Lebensraum macht.

Die Tragik wird verstärkt, wenn man die jungen Menschen von Minamisōma ins Visier nimmt. Sie haben eigentlich noch eine Zukunft vor sich, sollten nicht leichtfertig mit dem Leben spielen und können manchmal trotzdem nicht anders wie die junge Pferdezüchterin Miwa, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht weg kann, aber auch wegen ihrer Pferde bleibt. Sie hätten keine Entschädigungszahlungen erhalten, deshalb könne die Familie nirgendwo anders hin, und ihr Vater schaffe die Arbeit nicht alleine, so dass sie hierbleiben und helfen muss und will. Aber auch an den Tieren merken sie, dass es nicht gut ist, auf dem Hof zu leben: Aus ihrer Zucht seien mittlerweile 40 Tiere gestorben – immer nach demselben Muster. Trotzdem sagt Miwas Vater Tokuei Hosokawa: „Ich habe mein ganzes Leben mit ihnen verbracht und werde hier nicht weggehen, bevor alle tot sind.“

Am bewegendsten aber ist die Geschichte des Umweltaktivisten Bansho Miura, der sich freiwillig der Strahlung aussetzt, um unabhängig von den Behörden die Strahlung im Boden, im Wald, in der Stadt zu messen, um zusätzliche Informationen zu sammeln und Aufklärungsarbeit zu leisten. Japan kommt mit den Folgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht klar, das wird in der Arbeit von Bansho deutlich, und ist überfordert damit, ihrer Bevölkerung die richtige Hilfe anzubieten. Bansho merkt körperlich, wie ihm seine Tätigkeit zusetzt und erzählt von erschütternden Erkenntnissen: Mindestens einmal pro Woche kann er nicht aufstehen, merkt, wie sein Körper erschöpft ist.

Der Film begleitet die Menschen über vier Jahre hinweg, zeigt, wie Bansho schließlich doch aufgeben und sich aus dem Fukushima-Distrikt zurückziehen muss, um nicht sein Leben zu gefährden. Ein Jahr später werden in seinem Körper die ersten bösartigen Krebszellen entdeckt. Ihm wird Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, im frühen Stadium, so dass er operiert werden muss, aber eben nicht mehr zurück nach Minamisōma oder in die Gegend um Fukushima herum gehen kann. Er bleibt bei seiner Familie, die er zwei Jahre lang nicht gesehen hatte. Thorsten Trimpop hat seinen Film alleine gedreht, ohne Team und nur in Begleitung einer Übersetzerin. „Ich ließ mich von meinem Instinkt leiten und bemühte mich, mit meiner Kamera die geduldig erworbene Vertrautheit in Bilder voller Anmut und Poesie zu übersetzen“ – das merkt man dem Film an.

Furusato schafft es auf eine ruhige und unkommentierte Weise, dass man Anteil nimmt am Schicksal der ganz unterschiedlichen Figuren im Fokus. Erschütternd sind die Katastrophe und ihre Auswirkungen, das einzelne Leben der verschiedenen Menschen und seine Details immer, aber interessant ist, auf welch unemotionale Weise sie vermittelt werden. Das hat sehr viel Kraft. Die Bilder des Films bleiben lange im Kopf des Zuschauers – und er hat nicht umsonst die Goldene Taube als bester deutscher Film des Dokumentarfilmfestivals DOK Leipzig erhalten.

Furusato - Wunde Heimat

Früher ein Surfparadies, wird jetzt ein großer Bogen um Minamisoma gemacht. Denn der Ort gehört seit dem Vorfall in Fukushima zur Sperrzone und ist zweigeteilt. Ein Teil gilt als unbewohnbar, für den anderen gab es die Empfehlung, die Stadt zu verlassen. 

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