Fuge

Fuge

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Das Jagen der Gedanken

Eigentlich wirkt die junge Frau (Theresa Martini) recht normal. Sie hat Ticks: Die Haus- und Wohnungstür muss sie abschließen, wieder aufmachen, Schloss kontrollieren, Türriegel kontrollieren, zumachen, abschließen, aufmachen, kontrollieren. Die Zutatenauflistung auf Lebensmitteln muss sie sich laut vorlesen, immer wieder, inklusive jedem Punkt, jedem Bindestrich, jedem Komma (zu dem sie, wir sind in Österreich, "Beistrich" sagt). Ansonsten: Sie ist eine junge Frau, Studentin, die Klavier übt, Schubert verehrt, einsam ist, alldienstäglich Besuch von der Mutter (Claudia Martini) bekommt. Einen Freund hat sie, nun ja, mehr oder weniger, vielleicht läuft da auch nichts. Aber gestört wirkt sie nicht, nach außen. Innen sieht es anders aus: Ihr Leben ist aus den Fugen. Fuge, der Filmtitel: Der bezieht sich auf die musikalische Form der ständigen Wiederholung bei gleichzeitiger Verschachtelung einzelner Melodiefiguren, und so muss man sich wohl ihre seelischen Vorgänge vorstellen.
Regisseur Constantin Hatz fühlt sich ein in diese junge Frau und zeigt sie ganz von außen, ohne zu versuchen, auf filmisch-strukturelle Art, mit Symbolismen oder Surrealem ihr Inneres zu visualisieren. Diese Nüchternheit ist angebracht: In den Kopf sehen kann man nicht, auch nicht mit noch so ausgefeilten kinematographischen Ideen. Man kann aber zeigen, man kann Verhalten schildern, man kann es an gewissen Maßstäben messen. Und kann natürlich dabei fragen, was diese Maßstäbe des Normalen aussagen. Dienstags Besuch von Mutter, ein eher freudloser Höhepunkt der Woche, Esterhazy-Schnitten (diesmal die billigeren, mal sehen, ob die genauso lecker schmecken), die Katzenbilder, die Mama zeigt, und die Ermahnung, endlich mal den Balkon aufzuräumen! Die manchmal etwas krampfhaften Versuche, Klavier zu üben. Die so trieb- wie schamhafte Masturbation unter der Bettdecke. Und: Licht an, Licht aus, Tür auf, Tür zu, Licht, Tür – die Ticks. Irgendwann nachts steht Jakob vor der Tür, ihr Vielleicht-Freund, begehrt Einlass und begehrt sie, begehrt sie heftig, sie wehrt ab, irgendwann Gewalt, irgendwann Versöhnung, Aussprache, Weinen, Unverständnis.

So kommt der Zuschauer langsam dieser namenlosen Studentin näher, wir umkreisen sie und ihr kleines, abgezirkeltes Umfeld. Die Mutter: Sie weint bei einem Spaziergang im Park an einem Baum, dort hat sie Giovanni begraben, ihren lieben Kater, den keine der späteren Katzen je ersetzen könnte. Ein stilles Gebet zum Katzenhimmel; bei unserer Protagonistin steht in der Ecke als Blumenständer noch immer Giovannis Kratzbaum, die Mama kann ihn nicht missen, will ihn aber auch nicht den Haustiernachfolgern überlassen. Und wir kommen so indirekt, still und leise einer der Ursachen für die Zwangsstörung auf die Spur, ohne dass diese Spur vom Film deutlich beschildert und ausgewalzt würde. Nicht nur Gene, auch Verhalten wird vererbt, mutiert vielleicht, wird monströs...

Mit seinem subtilen Porträt der Verstörung hat Hatz zurecht den Förderpreis Junges Deutsches Kino der Hofer Filmtage gewonnen.

Fuge

Eigentlich wirkt die junge Frau (Theresa Martini) recht normal. Sie hat Ticks: Die Haus- und Wohnungstür muss sie abschließen, wieder aufmachen, Schloss kontrollieren, Türriegel kontrollieren, zumachen, abschließen, aufmachen, kontrollieren. Die Zutatenauflistung auf Lebensmitteln muss sie sich laut vorlesen, immer wieder, inklusive jedem Punkt, jedem Bindestrich, jedem Komma (zu dem sie, wir sind in Österreich, "Beistrich" sagt).
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