Früher oder später

Früher oder später

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Verwirrung der Gefühle

Nora (Lola Klamroth, die Tochter von Peter Lohmeyer, der hier also gleich in zweifacher Hinsicht als Vater zu sehen ist) ist ein vierzehnjähriger Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Mit Mutter (Beata Lehmann) und Vater (Peter Lohmeyer) lebt sie in einem beschaulichen Berliner Vorort und wirkt je nach Situation hinreißend schüchtern, verträumt oder verstockt, aber niemals kess oder aufmüpfig. Erst als der Schauspieler Thomas (Harald Schrott, der leider viel zu selten im Kino zu sehen ist) mit Frau und Kind in der Nachbarschaft einzieht, erwacht das Mädchen aus seiner Lethargie. Ihre Eltern hingegen sind von dem charmanten und weltgewandten Neuankömmling wenig begeistert. Denn Noras Mutter Anette hatte früher mal etwas mit Thomas. Und ihr Mann Uwe spürt instinktiv, dass dieser Mann der geborene Verführer ist, der seine traute Familienidylle mit "seinen beiden Frauen" zerstören kann. Zumal die saubere Fassade des Glücks sowieso erste Risse zeigt. Allerdings gibt Thomas auch allen Anlass zur Vorsicht, denn er genießt die Bewunderung Noras sichtlich und tastet sich langsam an den spröden Teenager heran.
Nicht nur die Wahl des Sujets, auch die Bildsprache und andere Elemente in Ulrike von Ribbecks Film Früher oder später erinnern dabei nicht von ungefähr an internationale Vorbilder mit illustrem Namen. In diesem Zusammenhang wäre beispielsweise auch die Filmmusik zu nennen, die von der New Yorker Elektro-Indieband Au Revoir Simone stammt und die Anklänge von Ulrike von Ribbecks Film an Sofia Coppolas Erstling The Virgin Suicides auch musikalisch illustriert – sie wirkt wie eine weibliche Variation der psychedelisch-romantischen Klänge des französischen Duos Air, das dem Film rund um die Selbstmordschwestern ihren ätherischen Touch gab.

Doch während Coppola ihre Heldinnen in immer neue Extreme treibt, sind die Probleme in Ulrike von Ribbecks "Coming of age einer ganzen Familie" sehr bürgerlicher – man möchte beinahe sagen spießiger – Natur. Stress mit dem Geschäftspartner, eine kleine Liebelei der Mutter, die ihr Studium wieder aufnimmt und dem Charme eines deutlich jüngeren Kommilitonen erliegt, dazu die Eifersuchtsattacken des Vaters und die kleinen Sticheleien von Thomas und der daraus resultierende Kampf der beiden Platzhirsche – wäre der Film nicht so ernsthaft vorgetragen, könnte man eine solche Anhäufung von Klischees nicht wirklich ernst nehmen. Oder ist vielleicht doch manches der Banalitäten zutiefst ironisch gebrochen? Man weiß es nicht. Und genau das ist vielleicht die große Schwäche dieses Films, den man sich böser und sarkastischer gut hätte vorstellen können. So aber verweilt der Film ebenso wie seine heranwachsende Heldin in einer merkwürdigen Indifferenz und Passivität. Ob das die angemessene Form ist, um den Seelenzustand Noras zu verdeutlichen, sei dahingestellt. Unterm Strich sind es so vor allem Lola Klamroths Gesicht und darstellerische Leistung, Harald Schrotts nuanciertes Spiel, einzelne romantisierende Sequenzen aus der Vorstellungswelt heranwachsender Mädchen sowie die stimmige Filmmusik von Au Revoir Simone, die im Gedächtnis bleiben.

Früher oder später

Nora (Lola Klamroth, die Tochter von Peter Lohmeyer, der hier also gleich in zweifacher Hinsicht als Vater zu sehen ist) ist ein vierzehnjähriger Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden.
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Meinungen
Sascha · 03.09.2013

Habe den Film zufällig vorgestern Nacht auf ZDF.kultur gesehen und muß sagen, dass Ihre Rezension den Nagel auf den Kopf trifft.

Kommentare

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