Fritzi - Eine Wendewundergeschichte (2019)

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Wie schafft es ein Animationsfilm eine Kindheit im Leipzig des Jahres 1989 mit subversivem Potenzial auszustatten? Ralf Kukulas und Matthias Bruhns „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ hält dafür ein wirkungsvolles Mittel parat.

Fritzi - Eine Wendewundergeschichte (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Die Welt gehört in Kinderhände

Endlich Sommerferien! Fritzi wäre über die freie Zeit noch deutlich glücklicher, wenn ihre beste Freundin Sophie mit ihr zusammen in Leipzig bliebe. Aber Sophie und ihre Mutter fahren in den Urlaub nach Ungarn, dafür wird Fritzi auf Sputnik aufpassen, Sophies kleinen Hund.

Es ist, erfahren wir am Anfang des Films durch eine Einblendung, der Sommer des Jahres 1989, und mit dem Blick aus der Gegenwart ahnen wir natürlich schon, was die Reise nach Ungarn bedeutet: Sophie kommt aus dem Urlaub nicht mehr zurück, am Abend des ersten Schultags kann sie Fritzi noch ein letztes Mal aus einer Telefonzelle anrufen, irgendwo in der Nähe der bundesdeutschen Botschaft in Budapest.

Fritzi – Eine Wendewundergeschichte ist in erster Linie ein Kinderfilm; seine Figuren sind, im Bild wie in den Charakteren, mit klaren Linien gezeichnet, im Bild auch etwas flächig, vor gemalten, fast getuschten Hintergründen, die von der Wandzeitung im Klassenraum über die Altbauten der Stadt bis zu den Postern im Kinderzimmer konzentriert das Leben in den letzten Monaten vor der Maueröffnung präsentieren. Es ist eine konsequente Perspektive aus der Innensicht dieser Welt, auf Augenhöhe mit Fritzi.

Das hat einen äußerst wirksamen Sogeffekt – die Fragen der 12-jährigen Schülerin drängen sich auch uns auf, während Fritzi nach und nach klar wird, welche Risiken es mit sich bringt, in der Deutschen Demokratischen Republik überhaupt solche Fragen zu stellen. Erst gewissermaßen aus den Augenwinkeln, immer mehr auch in direkten Konfrontationen gerät das Mädchen in Konflikt mit der Schule und sogar Vertretern der Staatssicherheit.

Indem Fritzi sich „nur“ gegen Ungerechtigkeiten im Kleinen wendet, rebelliert sie, ohne es wirklich zu wissen, implizit gegen das politische System; indem sie um ihre Autarkie, ihre Handlungsfreiheit kämpft, spiegelt sie unwillkürlich, was in der Gesellschaft um sie herum passiert – Entwicklungen, die sie zugleich noch nicht überblickt und versteht. Und dass sie aus Versehen in die Montagsdemonstrationen um die Nikolaikirche gerät und dabei vom Westfernsehen gefilmt wird, ist natürlich eine narrative Zuspitzung, verstärkt aber ihr Gefühl noch, dass etwas nicht stimme.

Der Film von Ralf Kukula und Matthias Bruhn sieht sich die Welt genau an, in der Fritzi lebt; er vollzieht in Details der Erzählung nach, wie selbst die Dynamik innerhalb ihrer Schulklasse vom politischen System, von den Machtstrukturen des Staates geprägt wird. Der Klassenclown und größte Angeber ist Sohn des Kreisschulrates und darf sich vieles erlauben; von den Kindern wird eigentlich erwartet, dass sie Mitglied der Thälmann-Pioniere sind. Der Neue in der Klasse, Bela, ist das nicht – und es ist naheliegend, dass er sich schnell mit Fritzi anfreundet.

Nicht einverstanden sind viele – und so sind es kleine Akte des Widerstands, die immer wieder auftauchen, auch die unerwartete Hilfe von Fremden, die Fritzi schützen, als sie vor einem Agent der Stasi davonläuft. Fritzi – Eine Wendewundergeschichte weist ohne jeden Zeigefinger darauf hin, wie sich Überwachung, Linientreue, Indoktrination (auch schon bei kleinen Schulkindern) in den Alltag hineinfressen, selbst in kleinste Ritzen des Lebens hinein – und feiert die kleinen Nischen und Ritzen des Widerstands oder wenigstens der Freiheit, die sich die Menschen in diesem Rahmen erhalten und erarbeitet haben. Das gemeinsame Baumhaus von Fritzi und Sophie ist dafür nur das offensichtlichste Bild – es ist direkt gegenüber von Sophies Wohnzimmerbalkon im Hinterhof des Hauses, mitten in der Stadt verborgen, weithin sichtbar und doch ein abgeschlossener Rückzugsraum.

Kukula und Bruhn finden auch andere Bilder dafür: Wenn etwa in einem ganzen nächtlichen Häuserblock das Licht in den Fenstern aller Wohnungen im Rhythmus des Westfernsehens oszilliert. Zugleich sind sie weit davon, etwas zu verniedlichen. Die allererste Szene von Fritzi – Eine Wendewundergeschichte – noch bevor der Film sich ganz auf Fritzis Perspektive einlässt – zeigt aus der Entfernung einen Fluchtversuch an der deutsch-deutschen Grenze und endet mit dem Schuss aus der Waffe eines Grenzsoldaten. Das wirkt zunächst seltsam den Mord verharmlosend, wie angeflanscht; aber da der Film später an genau diesen Ort zurückkehren wird und dort die Bedrohung noch einmal anders inszeniert, geht diese Unwucht verloren.

Fritzi ist wild entschlossen, Sputnik selbst über die Grenze nach Westdeutschland zu Sophie zu bringen. Erwachsene Zuschauer_innen ahnen natürlich, dass das kaum gutgehen kann; es gibt Verfolgungsjagden mit der Stasi in den Straßen von Leipzig, Konfrontationen mit Fritzis linientreuer Lehrerin Frau Liesegang und dann eben sogar dramatische Szenen am Grenzzaun, bevor die große Politik schließlich all diese Sorgen überholt. Dass bekannte (West-)Fernsehbilder in zeichnerisch leicht verfremdeter Form hier wieder zu sehen sind, gibt dem Film natürlich zusätzlich nostalgisch-emotionale Wucht.

Fritzi – Eine Wendewundergeschichte erliegt nicht der Versuchung, den Lauf der Geschichte allein auf den Schultern seiner Titelfigur abzuladen, Historie als Schelmenroman zu erzählen, in dem Fritzi die Grenze zum Zusammenbruch bringt. Aber dann sind es, ganz speziell an einem kleinen Grenzübergang in der Nähe von Leipzig, doch wesentlich ein Mädchen und der ihr anvertraute Hund, die Bewegung in die Grenzöffnung bringen.

Auf diese Weise kann der Moment noch einmal große emotionale Kraft entfalten, eben weil er nicht über politische und historische Größe belehrt, sondern sich einfach aus dem Denken und Wollen eines 12-jährigen Kindes speist, das nicht von seiner Freundin getrennt werden will.

Fritzi - Eine Wendewundergeschichte (2019)

Leipzig, 1989. Liebevoll kümmert sich die zwölfjährige Fritzi um den kleinen Sputnik. Er ist der Hund ihrer besten Freundin Sophie, die über die Sommerferien mit ihrer Mutter nach Ungarn gefahren ist. Doch zum Schulanfang kehrt Sophie nicht in die Klasse zurück. Wie viele andere ist sie in den Westen geflohen. Mutig macht sich Fritzi auf die Suche nach ihrer Freundin und gerät in ein Abenteuer, das die Zukunft des ganzen Landes verändert.

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