Freiwild - Zum Abschuss freigegeben

Freiwild - Zum Abschuss freigegeben

Eine Filmkritik von Lida Bach

Der Jäger hetzt die Meute

„Bei Extremismus geht es darum lauter zu schreien als irgendein anderer, bis alle von allen Seiten der Debatte so laut schreien, dass die Thematik nicht mehr so wichtig ist wie der Umstand, dass man schreit.“ So sei es überall auf der Welt, erklärt Charlie Bell. Der junge Vertreter der britischen High Society weiß, wovon er spricht. Sein Bruder Lucas war ein Extremist, obwohl er seine Stimme nur selten überanstrengte. Es gabt andere Mittel und Lucas verfügt darüber reichlich.
Eines ist Geld, ein anderes Klassenzugehörigkeit, das vielleicht effektivste jedoch sein Status als Großbritanniens jüngster Sportjäger. Als solcher war er Gegner des Hunting Act, in dem es untersagt wurde mit Hundemeuten Wild zu jagen. Dessen Erlass im Jahre 2004 begleitete im Vereinigten Königreich eine heftigere Debatte als der Irakkrieg. Für Lucas war das neue Gesetz keine Frage des Tierschutzes, sondern eine Infragestellung: von Tradition, Machismo und Klassenprivilegien; allem, worüber er sich definierte. Es war eine Situation wie sie später sein Bruder Charlie umschreibt, als einmal er interviewt wird und nicht sein Bruder. Der hatte da bereits seinen großen Filmauftritt gehabt. „Wenn du jagst, bist du Freiwild“, lautet der Titel, dessen reißerische Ankündigung wörtlich zu nehmen ist. Ausschnitte der abschreckenden Konsequenzen hält ein Amateurclip fest, der bis vor kurzem auf YouTube lief, bevor er wegen bedenklicher Inhalte entfernt wurde.

Erschienen war die filmische Warnbotschaft auf dem YouTube-Kanal der Real Animal League. Die sich RAL abkürzende Tierschutz-Gruppe nahm ihren energischen Gegner ihrerseits beim Wort, als er sagte, er werde „bis zu seinem letzten Atemzug an der Jagd teilnehmen“. Die Kamera richtete zuletzt kein Fernsehreporter auf ihn, sondern RAL-Mitglieder — zusammen mit Gewehren. Lucas, der es liebte in die Linse von TV-Kameras und Zielfernrohren zu blicken, tat dies plötzlich von anderer Seite als gewohnt. Mit vorgehaltener Waffe zwingen sie Lucas Exfreundin Liv Scott, seinen langjährigen Gefährten Ben Fitzpatrick, seinen entfremdeten Bruder und dessen Freundin Eve Jourdan in einem Videostatement der Jagd zu entsagen. Die erpresste Erklärung kommt glaubhaft über die Lippen der verstörten Gefangenen. Sie haben am eigenen Leib erfahren, was Erschöpfung und Todesangst bedeuten.

Ein Jahr nach dem offiziellen Verbot unternahmen die vier mit Lucas einen Jagdausflug, auf dem sie betäubt und ausgesetzt wurden: im rauen Klima Schottlands, wo sie einzeln ausgesetzt und nur mit Unterwäsche bekleidet gegen Witterung, Desorientierung und die Schüsse ihrer Verfolger bestehen mussten. Unfähig, aus einem veränderten Blickwinkel heraus seine ethische Perspektive zu adjustieren, weigert sich Lucas dennoch die Flinte ins Korn zu werfen. Seine Kaltblütigkeit übertrifft die der militanten Tierschützer, da sie keine politische Absicht, sondern persönlicher Blutrausch antreibt. Der Gewalttrieb wirkt umso inhumaner, da durch ihn nicht nur Lucas Leben aufs Spiel gesetzt wird, sondern das seiner Freunde. Die Überlebenden unter ihnen erzählen ihre Geschichte später in einer Feature-Reportage, in der Schauspieler in fiktiven Szenen die Tortur von Lucas (Nick Ashdon), Charlie (Oliver Boot), Eve (Tracy Ifeachor), Ben (Joseph Kloska) und Liv (Cicely Tennant) nachstellen.

Blooded heißt das Werk, gegen das die RAL auf der Website der Tierschutzorganisation ALF protestierte. Die ALF gibt es wirklich, die RAL hingegen nicht. Das Statement „geisterte eine ganze Weile dort herum. Ich glaube, sie waren nicht sonderlich glücklich, als sie rausbekamen, dass es nur Teil einer Werbekampagne war.“, gesteht Edward Boase. Der britische Regisseur zelebriert mit dem Amalgam aus Psychothrillers und Mockumentary seine cineastische Initiation, die so blutig ist wie der Originaltitel von Freiwild, der seine nervenaufreibende Ambivalenz auch ohne die ihn im Boases Heimatland begleitende kontroverse Medienkampagne bewahrt.

Freiwild - Zum Abschuss freigegeben

„Bei Extremismus geht es darum lauter zu schreien als irgendein anderer, bis alle von allen Seiten der Debatte so laut schreien, dass die Thematik nicht mehr so wichtig ist wie der Umstand, dass man schreit.“ So sei es überall auf der Welt, erklärt Charlie Bell. Der junge Vertreter der britischen High Society weiß, wovon er spricht. Sein Bruder Lucas war ein Extremist, obwohl er seine Stimme nur selten überanstrengte. Es gabt andere Mittel und Lucas verfügt darüber reichlich.
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