François Truffaut Collection 1 - 3 (Blu-ray)

François Truffaut Collection 1 - 3 (Blu-ray)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Der Mann, der die Frauen liebte – und den Tod fürchtete

Am Ende rennt Antoine: Zum Meer – und damit in Richtung Fluten. Zugleich sprintet er ebenso um sein junges Leben. Minutenlang folgt Henri Decaes Kamera dem schwarz gekleideten Jungen mit der wilden Sturmfrisur, der kurz zuvor aus einer Heimanstalt für minderjährige Kriminelle geflohen ist. Er läuft weiter, immer weiter – bis er das Wasser spürt, nass wird an den Füßen. Dann hält er an – mit ihm die Kamera – und Antoine dreht sich plötzlich in Blickrichtung des Zuschauers. Geradezu mitten ins Objektiv hinein scheint der unnachahmliche Blick des 14-jährigen Jean-Pierre Léaud zu gehen. Dann setzt François Truffaut ein Freeze Frame: Jene berühmte, ganz und gar meisterliche Einstellung friert sozusagen ein, während parallel Decaes Kamera von einer Nahen in eine unvergessliche Close-up-Einstellung wechselt. Und dann folgt: Fin. Welch ein Schluss, welch ein Film – und gleichzeitig welch hohe Messlatte für alle weiteren 21 Langfilme Truffauts!
Wer einmal das grandiose Finale aus Sie küssten und sie schlugen ihn (1958/59) gesehen hat, wird bei dem Namen François Truffaut fortan stets zuallererst an jenes gleichsam elegante wie emotional wuchtige Debüt des damaligen Endzwanzigers denken: Mit diesem ewig jugendlich leuchtenden Kristall der Filmgeschichte enterte der junge Kinoenthusiast Truffaut den Festivaltanker von Cannes, den er – als bissiger Filmkritiker – ein Jahr zuvor noch als „Hort der Mittelmäßigkeit“ und gar als Totenhaus des französischen „Qualitätskinos“ jener Zeit verspottet hatte. Derselbe Mann, dem ein Jahr vorher noch die Akkreditierung verweigert worden war, grüßte nun von eben jenem Filmfestival mit dem Preis für die beste Regie in der Hand.

In diesem Moment begann der internationale Durchbruch der Nouvelle Vague-Autorenfilmer – und zugleich die Weltkarriere des beliebtesten französischen Filmemachers des letzten Jahrhunderts: François Truffaut (1932 – 1984), dessen Filme Hymnen auf das Leben wie den Tod waren. Dessen gesamtes Oeuvre vom Wunsch, als Filmregisseur geliebt zu werden, bestimmt war, weshalb ihn die Filmkritik wie das breite Publikum gleichermaßen verehrte: Trotz oder gerade wegen männlicher Antihelden und sinnlich-schönen Frauen als dominierenden Figuren?

Zusammen mit seinen ehemaligen Cahiers du cinéma-Kritikerkollegen Godard, Rohmer, Chabrol und Rivette, die allesamt auf dem Regiestuhl landeten, revolutionierte er das französische wie das Weltkino nach 1945 in hohem Maße. Sein immenser Erfolg – jede seiner Lang- wie Kurzfilmproduktionen spielte durchwegs mindestens die Produktionskosten wieder ein – begründetet sich speziell in der Leidenschaft Truffauts für sein Publikum, das er von Grund auf liebte: Mit ihm spielt er nicht, wie andere seiner Regiekollegen, mit seinen Zuschauern steckte der französische Starregisseur quasi am liebsten unter der Decke: Bündnisgleich. Im selben Maße liebte er es, seine weltweiten Verehrer immer wieder aufs Neue zu überraschen: Mit neuen Genres und Versatzstücken aus der Filmgeschichte, aber auch im realen Leben mit neuen Liebschaften an seiner Seite (u.a. Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Jacqueline Bisset oder Fanny Ardant), die im Anschluss oft als Stars seiner Filme dienten: Eine klassische Win-win-Situation.

Er lernte schließlich in jungen Jahren schon sehr gut, wie man ein Kinopublikum für sich gewinnen konnte. Ab dem achten Lebensjahr rannte der junge Truffaut, den seine Mutter nie liebte und der seinen Vater nicht kannte – ähnlich zu Fassbinder – regelmäßig ins Kino: Allein bis zum Ende seiner aktiven Kritikerzeit soll er gut 3000 Filme auf der Leinwand gesehen, besser gesagt: inhaliert haben! Als Autodidakt im Selbststudium eignete er sich in diesem Sinne die Handschriften anderer an: Besonders Hitchcock, Hawks, Rossellini, Ophüls, Welles, Gance, Lubitsch und Renoir standen dabei auf seinem Kinostundenplan in der Pariser Kinemathek – seiner zweiten Heimat – ganz oben. Von ihnen rührt Truffauts Interesse als Filmmaniac wie Regisseur für sehr unterschiedliche Genres her. Egal ob Liebesfilm, Film noir, Melodram, Komödie, Historienfilm oder Drama: François Truffaut verstand es wie wenige seiner Altersgenossen aus allerlei diversen Genrezutaten großes Starkino mit unverwechselbarer persönlicher Handschrift zu formen.

Im Gegensatz etwa zu Resnais, Marker, Rohmer oder Godard, mit dem ihn bis zuletzt eine Hassliebe verband, zählte sich Truffaut niemals zu den kühnen, manchmal arg intellektuellen Erneuerern der Filmsprache, sondern stets zu dessen verlässlichen Unterhaltungskünstlern, ohne je seicht oder oberflächlich zu sein. Sein Gesamtwerk gleicht daher eher einer prall gefüllten Pralinenschachtel, mit Konfekt in allen Geschmacksrichtungen: Von zart-süßlich bis bitter-herb reichen hier die fein austarierten Nuancen. Jene Truffautsche Mischung schmeckt im speziellen nach Jugend (Jules und Jim), nach Erwachsenwerden (Sie küssten und sie schlugen ihn), nach Selbstreflexion (Die amerikanische Nacht), nach Aufbruch (Antoine und Colette) und Abschied (Die letzte Metro).

Kurzum: Sie duftet nach Leben, sie riecht nach Liebe. Und mitunter auch nach dem Tod, weil in vielen Filmen Truffauts Gevatter Tod eine heimliche Hauptrolle spielt: Friedhöfe wie Beerdigungen sind in vielen Filmen ziemlich präsent (z.B. in Schießen Sie auf den Pianisten / Die süße Haut / Der Mann, der die Frauen liebte) – und der Tod mindestens einer Hauptfigur ist bei Truffaut fast schon inklusive. Paradoxerweise durchflattert der Geist jugendlicher Frische und enthusiastischer Liebe in allen ihren Schattierungen genauso alle Werke des Franzosen: Von heiter-lieblich über tragisch-komisch bis melancholisch-trüb reicht die Spannweite der Mise en Scène in Truffauts Kosmos.

Anspielungsreich in punkto Filmgeschichte waren sie allesamt, zudem intelligent im Tonfall der Erzählung – und technisch-künstlerisch stets brillant gestaltet (fast immer mit Raoul Coutard oder Nestor Almendros hinter der Kamera und mit der musikalischen Vielfarbigkeit von Georges Delerue). Concorde bietet nun mit drei Blu-ray-Boxen (mit jeweils vier Filmen und umfangreichem Bonusmaterial) die Möglichkeit, das Genie Truffauts ein weiteres Mal kennenzulernen: Verliebter ins Kino war kein anderer Filmemacher seiner Zeit. Der Zögling André Bazins zitierte im Laufe seines kurzen, aber sehr produktiven Lebens vielfach seinen Lehrmeister wie folgt: „Ich dagegen glaube, dass man sich vor jeder Genre-Hierarchie hüten und ganz einfach das für Kultur halten sollte, was uns gefällt, uns unterhält, uns interessiert und zu leben hilft.“ Besser lassen sich Truffauts Filme gar nicht in Worte fassen.

François Truffaut Collection 1 - 3 (Blu-ray)

Am Ende rennt Antoine: Zum Meer – und damit in Richtung Fluten. Zugleich sprintet er ebenso um sein junges Leben. Minutenlang folgt Henri Decaes Kamera dem schwarz gekleideten Jungen mit der wilden Sturmfrisur, der kurz zuvor aus einer Heimanstalt für minderjährige Kriminelle geflohen ist. Er läuft weiter, immer weiter – bis er das Wasser spürt, nass wird an den Füßen. Dann hält er an – mit ihm die Kamera – und Antoine dreht sich plötzlich in Blickrichtung des Zuschauers.
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