Flatland (2019)

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Muss ein Mann seine Frau beschützen oder müssen Frauen Männer erlösen? Das sind Fragen, die aufpoppen in "Flatland". Weibliche Selbstbestimmung, Freundschaft, Rassismus – auf außergewöhnliche Weise verarbeitet Jenna Bass die Themen ihres Films und mischt sie in einem kraftvollen Roadmovie.

Flatland (2019)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Dokumentieren und registrieren

"Flatland" ist ein intensives Kinoerlebnis, auf das man sich zunächst einlassen muss: Denn gewöhnlich im Sinne von konventionell ist hier gar nichts. Der Film hat einen einzigartigen Tonus, einen wundervollen Soundtrack und erzählt eine dicht gewobene Geschichte, in der sich die Plotereignisse mal überschlagen, in der aber auch mal Leerlauf herrscht, der wie eine nötige Ruhepause wirkt. Schnell entwickelt der Film eine Sogkraft, der man sich dann schwer entziehen kann.

Die Geschichte beginnt mit einer Hochzeit, die merkwürdig ist. Der Bräutigam grinst bis über beide Ohren, scheint überglücklich, wechselt dann aber ins fast Manische; die Braut ist ruhig, verhalten und hat einen permanent traurigen Schleier um die Augen. Die verkorkste Beziehung zwischen Natalie (Nicole Fortuin) und Bakkies (De Klerk Oelofse) ist eine der Hauptlinien des Films.

Dann fallen Schüsse: Erst im polizeilichen Trainingsraum, als Beauty Cuba – die Protagonistin der zweiten Plotlinie (großartig: Faith Baloyi) – an der Präzision ihrer Schüsse arbeitet, dann im nächtlichen Pferdestall, weil der Priester, der Natalie und Bekkies getraut hat, nicht von Natalies Pferd Oumie ablassen will und Natalie ohnehin erschüttert ist vom Verlauf der Hochzeitsnacht. Der Mord im Affekt ist der Ausgangspunkt der Geschichte und Verknüpfung der Schicksale von Natalie und Beauty.

Natalie ist sich ihrer Tat sofort bewusst und flieht auf Oumie zu ihrer Pflegeschwester Poppie (Izel Bezhuidenhout). Die ist hochschwanger, freut sich riesig, Natalie wiederzusehen, und macht sich zusammen mit ihr auf die Flucht. Branko, der Vater von Poppies Kind, soll ihnen dabei helfen, verliebt sich aber sofort in die nun erst recht in sich gekehrte Natalie.

Beauty soll den Mord am Priester aufklären, und will das auch: Denn verdächtigt wird ihr Verlobter Billy (Brendon Daniels), der gerade nach 15 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde. Beauty ist sich sicher, dass er unschuldig ist, und wittert Ungereimtheiten an der Geschichte des Tathergangs. Aber Billy hat den Mord schon gestanden. Nichtsdestotrotz nimmt Beauty die Ermittlungen auf und fährt den beiden jungen Frauen hinterher.

Es ist vor allem die Geschichte um diese drei unterschiedlichen Frauen, die berührt: Sie alle kämpfen um ihre Selbstbestimmung, und das mit ganz unterschiedlichen Mitteln. Während Beauty schon immer ihren Mann gestanden hat und in den vergangenen 15 Jahren selbständig für sich sorgen musste, hat Natalie das nie gelernt: Sie war schon immer abhängig und hinterfragt diesen Zustand auch nicht. Poppie hingegen hat ihren eigenen, einen subtileren Weg gefunden, ihre Ziele durchzusetzen. Es ist ein großartiges Darstellerinnenensemble, das beeindruckt: drei wundervolle Schauspielerinnen mit einer unbändigen Kraft.

Die Kamera ist stets nah dran an den Figuren. Manchmal überträgt sie nur Ausschnitte, Detailaufnahmen, die den Rest der Szenerie erahnen lassen, aber doch deutlich machen – darum geht es gar nicht. Es geht um das Gefühl, das Erleben, die Intensität des Moments. Unterstützt werden die Bilder der Geschichte durch einen eigentümlichen Soundtrack, der auffällt, weil vor allem die Filmmusik entgegen ihrer funktionalen Standards eher kontrapunktisch eingesetzt wird und gerade deshalb so gut passt.

Sie habe eigentlich einen Western machen wollen, erzählt Jenna Bass im Filmgespräch nach der Premiere am Potsdamer Platz, und dann habe sie doch gemerkt, dass sie dessen Muster durchbrechen müsse, wenn sie ihre Geschichte erzählen wolle. Herausgekommen ist ein außergewöhnliches, kraftvolles Roadmovie, das sich nicht nur mit dem Ausbruch seiner drei Frauenfiguren auseinandersetzt, sondern auch ganz andere Themen des Landes mit aufnimmt wie den immer noch vorherrschenden Rassismus im Land und die Mechanismen auf dem Land, aber auch über Liebe und Freundschaft spricht. In dem Sinne setzt sich Flatland – wie die gleichnamige Novelle von Edwin Abbott Abbott von 1884 – mit der Gesellschaft der Gegenwart auseinander, karikiert sie jedoch nicht wie Abbotts Gesellschaftssatire, sondern dokumentiert und registriert. Die außergewöhnlichen Darstellungsmittel geben dem Film einen eigenen Tonus und zeugen von Hoffnung auf Besserung, die da kommen möge. Ob dem so ist, wird man sehen.

Flatland (2019)

Ein außergewöhnliches Roadmovie der südafrikanischen Filmemacherin Jenna Bass über Freundschaft, weibliche Selbstbestimmung und gesellschaftliche Machtverhältnisse in einem gespaltenen Land. 

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