Family Romance, LLC (2019)

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In Japan kann man sich Familienmitglieder und Freunde mieten – ein Umstand, der Werner Herzog so fasziniert hat, dass er das Phänomen kurzerhand mit seinem Film „Family Romance LLC.“ narrativ aufarbeiten musste. Herzog-Style natürlich.

Family Romance, LLC (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Vater zur Miete

Mit seinen 76 Jahren ist Werner Herzog derzeit wieder in einer hochkreativen Phase, in der er gleich mehrere Filmprojekte gleichzeitig jongliert. War er eben noch mit den Dokumentarfilmen „Meeting Gorbachev“ und „In The Footsteps Of Bruce Chatwin“ unterwegs, so präsentiert er mit „Family Romance LLC.“ eine neue fiktive Aufarbeitung eines Phänomens, von dem ihm zuerst sein Produzent Roc Morin berichtete.

In Japan gibt es Firmen, bei denen man sich Familienmitglieder, Freunde oder besondere Ereignisse mieten kann. Das klingt erst einmal ein wenig schräg, ergibt allerdings vor allem im japanischen Kontext viel Sinn. Denn die japanische Kultur unterscheidet mitnichten so stark zwischen Realität und Fiktion, zwischen vermeintlich Echtem und Fingiertem, wie wir im Westen. Das beginnt beim shintoistischen Götterreigen, zieht sich über die vielen Roboter-Menschen, die dort inzwischen im Einsatz sind, und macht eben auch vor Beziehungskonstrukten nicht halt. Herzogs Firma, die ebensolche Nachfragen erfüllt, heißt Family Romance LLC. In einem Format, das eher an Dokufiktion als an klassisch narratives Kino anknüpft, erzählt der Filmemacher von Yuichi Ishii (Yuichi Ishii), der sich als Ersatzvater für ein 12-jähriges Mädchen ausgibt. Der richtige Vater hatte die Familie vor 10 Jahren verlassen und die Mutter des Kindes mietet nun Yuichi, um dem Kind väterliche Bindung zukommen zu lassen. Außerdem fungiert Yuichi auch als Freund für die alleinerziehende, einsame Mutter.

Dabei spielt der Mann aber nicht den Vater selbst nach, sondern ersetzt ihn mit einem Menschen, der väterliche Eigenschaften hat und dem Kind Aufmerksamkeit schenkt. Ob das Mädchen ahnt, was hier vorgeht? Manchmal scheint es jedenfalls so. Doch selbst falls es so ist, sie spricht es nie an und macht mit. Die Aufmerksamkeit, die sie bekommt, ist von Bedeutung.

Herzogs Kamera begleitet Yuichi dann noch bei einigen weiteren Episoden und Jobs: Ein Mann, der bei der Bahn arbeitet und versehentlich einen Zug 20 Sekunden zu früh abfahren ließ, mietet ihn als Person, die die komplette Blamage und Verantwortung auf sich zieht und ihm so den Job rettet. Eine junge Frau will mitten in Shinjuku von Paparazzi fotografiert werden, damit sie einen viralen Hit fingieren kann. Eine Frau, die im Lotto gewann, will das Gefühl noch einmal erleben, wie es ist, Glück zu haben.

Stets begleitet Herzog seine Darsteller mit wenigen Kameras, sein Stil ist dabei dokumentarisch und pragmatisch. Die digitalen Bilder sind oftmals schnell und grob aus der Hand geschossen. Die sehr eigene Ästhetik ist interessant, irritiert aber oft, weil sie sich durch Ruckeln, Zooms etc. in den Vordergrund drängt und so das Filmische stark betont. Man spürt den Filmemacher quasi beim Arbeiten, das Bild hat Spuren von ihm in sich. Spannend ist dabei der Prozess des Filmens an sich. Schnell und ohne viel Aufwand wurde Family Romance LLC. gemacht. Da Herzog kein Japanisch spricht, haben intelligente Übersetzungsprogramme als Überbrückung gedient. Die Dialoge sind fast komplett im Moment selbst entstanden, nur die Richtung hatte Herzog vorgegeben. An sich eine interessante Art, die heutigen technischen Möglichkeiten zu nutzen, doch vor allem die Schnelligkeit, mit der der Film gemacht wurde, birgt Probleme in sich.

Im Fall von Family Romance LLC. zeigt sich das vor allem bei der Geschichte selbst. Die vielen Vignetten sind einzeln mal mehr, mal weniger interessant, doch zu einem Ganzen fügen sie sich letztendlich nicht zusammen. Der rote Faden verliert sich in Nebenschauplätzen und Exkursen über Roboter-Hotels und Bahntaktungen. Gut möglich, dass Herzog hier Bezüge zwischen der ganz anderen Auffassung von Liebe und Beziehungen, die ebenfalls nach anderen, mechanischeren Gesetzmäßigkeiten ablaufen, herstellen will, doch rund wird die Sache nicht. Zu hektisch und oberflächlich bleibt da der Film, der eindeutig etwas sagen will, die richtigen Worte aber nicht immer findet.

Einen etwas klareren Kommentar findet das Werk erst relativ am Ende, als die Frage nach Authentizität und Gemachtheit von Liebe, Beziehungen und dem Leben dann ganz plakativ in den Raum gestellt wird. Doch wie die Ausarbeitung des Themas ist die Antwort eher schemenhaft, zu sehr aus der Hüfte geschossen. Deshalb erreicht der Film eine bestimmte Tiefe nicht, die das Thema auf jeden Fall hergegeben hätte.

Family Romance, LLC (2019)

Ein Mann wird angeheuert, um den verschwunden Vater eines zwölfjährigen Mädchens zu spielen. 

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