Familie haben

Familie haben

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Es geht um Geld und um Gefühle

Jonas Rothlaender hat einen Dokumentarfilm über seine Familie gedreht, genauer, über drei Generationen von zerstrittenen oder belasteten Menschen. Ganze 130 Minuten dauert dieser erste, an der Berliner Filmhochschule DFFB entstandene Langfilm des Autors. Zuerst sind da nur die Aufzeichnungen der 2006 verstorbenen Großmutter, die dem Enkel posthum erzählen wollte, wie schlimm man mit ihr umgesprungen war. Im Jahr 2011 beschließt Rothlaender, dieser Geschichte nachzugehen, und besucht seinen Großvater in der Schweiz. Der hatte das Vermögen der Großmutter, seiner ersten Frau, an der Börse verspekuliert und sie zum Sozialfall gemacht. Nach und nach stellt Rothlaender fest, dass die Geschichte der Großeltern auch das Leben seiner Mutter überschattet, und zwar bis in die Gegenwart. Und schließlich fragt er sich, ob er die Mutter mit seinen eigenen Vorwürfen aus Kindertagen konfrontieren soll.
Nicht nur Rothlaender braucht viel Zeit, um den komplizierten und oft widersprüchlichen Familienbeziehungen auf den Grund zu gehen, auch der Zuschauer muss Geduld aufbringen. Rein visuell ist der Film nicht spektakulär, im Gegenteil: Lange Passagen spielen sich im Schweizer Altenheim ab, in dem der Großvater bis zu seinem Tod wohnt. Es gibt privates Archivmaterial wie Fotos und Super-8-Filme. Die Mutter, ein Bruder des Autors, der Vater und der Stiefvater lassen sich vor der Kamera befragen. Rothlaender, der selbst dreht, beobachtet manchmal einfach nur die Gesichter des Großvaters und der Mutter, wenn sie nebeneinander sitzen. Die emotionale Distanz der beiden ist dann zum Greifen nah, und der Schmerz, den sie der stets gefassten Mutter verursacht, ebenfalls. Wie sich das Drama dieser Beziehung ohne Worte oder mit den falschen ausdrückt, gehört zu den stärksten Momenten des Films, der trotz seiner äußeren Unscheinbarkeit nicht langweilt. Je mehr die einzelnen Beteiligten in ihrer emotionalen Isolation sichtbar werden, desto stärker wachsen auch die Achtung des Betrachters für ihre Haltung und die Neugier, ob sie ihre Differenzen beilegen werden.

Bis fast zuletzt versucht der völlig mittellose Großvater im Heim telefonisch Geldgeber aufzutreiben. Sie sollen ihm Geld leihen, damit er ein Millionengeschäft mit einer nigerianischen Bank abschließen kann. Geld ist praktisch sein einziges Thema, aber es bleibt unklar, ob er wirklich an die Geschäfte glaubt, von denen er spricht. Geld bestimmt in dieser Familie auch die Beziehungen. Als die um ihr Vermögen gebrachte Großmutter finanzielle Unterstützung brauchte, verweigerte die Tochter sie ihr. Später sorgen die Kosten für die letzte Ruhestätte des Großvaters für eine makabre Anekdote. Ob man füreinander etwas übrig hat, ist eine finanzielle Frage, weil es für die offenen emotionalen Rechnungen keine adäquatere Sprache gibt.

Rothlaender sagt, er habe eine persönliche, aber keine private Geschichte erzählen wollen. Ihn interessiere die Spiegelung gesellschaftlicher Themen im kleinen Kosmos der Familie. Das Kriegstrauma des Großvaters, vor allem aber auch diese eigentümliche, als typisch deutsch geltende Scheu, Gefühle zu zeigen, scheinen in dieser Familie bis in die heutige Generation hineinzuwirken. Rothlaender konfrontiert den Großvater mit unangenehmen Fragen, die Mutter zeigt er verwundbarer, als sie es normalerweise zulässt. Beide machen bereitwillig mit und verstehen es doch, Grenzen zu ziehen. Rothlaender lotet den Spielraum zwischen emotionaler Nähe und respektvoller Distanz intensiv aus, bis hin zur gelungenen Schlussszene: Auch dort wird geschwiegen, was symptomatisch ist, aber auch signalisiert, dass der für die Allgemeinheit bestimmte Teil der Geschichte an dieser Stelle in den privaten übergeht. Ein interessanter Film, der familiäre Risse freilegt und gleichzeitig auch die Unmöglichkeit demonstriert, sie alle zu kitten.

Familie haben ist über die Website des Films auch online als VoD abrufbar.

Familie haben

Jonas Rothlaender hat einen Dokumentarfilm über seine Familie gedreht, genauer, über drei Generationen von zerstrittenen oder belasteten Menschen. Ganze 130 Minuten dauert dieser erste, an der Berliner Filmhochschule DFFB entstandene Langfilm des Autors.
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